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LEITLINIEN RAUMFAHRTPOLITIK

Studienleiter

Prof. Dr. rer. nat. Dr.-Ing. E. h. Messerschmid Ernst W.

Prof. Dr.
Ernst W. Messerschmid

Universität Stuttgart
IRS Astronautik und Raumstationen

Leitlinien Raumfahrtpolitik

acatech BEZIEHT POSITIONEN - Nr.7

"Leitlinien für eine deutsche Raumfahrtpolitik"

zum Download

Strategische Ausrichtung und straffere Koordination

Anlässlich der Vorstellung einer neuen Raumfahrtstrategie der Bundesregierung durch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle hat acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften am 30. November ein Positionspapier mit Leitlinien für eine deutsche Raumfahrtpolitik vorgelegt. Darin empfiehlt die Akademie, die nationale Koordination der Raumfahrtaktivitäten und das Raumfahrtmanagement deutlich zu straffen und klare, strategisch gewählte inhaltliche Schwerpunkte zu setzen.

 

Laut dem ehemaligen Astronauten Ernst Messerschmid lassen sich nur so die Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft optimal nutzen, die sich aus den auf der Raumfahrt basierenden neuen Anwendungen in den Bereichen Telekommunikation, Navigation und Erdbeobachtung ergeben. Der Leiter der Autorengruppe des Positionspapiers warnt davor, dass Deutschland andernfalls seine Innovationsführerschaft in vielen Bereichen der Raumfahrt verlieren könnte. Gleichzeitig mahnt er eine wirkungsvollere Vertretung deutscher Interessen im internationalen Kontext an, um die Rendite der deutschen Raumfahrtinvestitionen zu erhöhen.

 

„Wir müssen die nationale Koordination, etwa unter Führung des Bundeskanzleramts, deutlich straffen und dabei die Belange von Forschung, Ausbildung und Industrie stärker mit einzubeziehen.“ 

 

Ernst Messerschmid, Raumfahrtpionier und Studienleiter

 

In Kürze: 10 Leitlinien für eine deutsche Raumfahrtpolitik

Neue Herausforderungen für die deutsche und europäische Raumfahrt

Neue Herausforderungen für die deutsche und europäische Raumfahrt

Die deutsche sowie die europäische Raumfahrt stehen in zweierlei Hinsicht vor Richtungsentscheidungen: In Zeiten einer globalen Wirtschafts- und Finanzkrise mit ihren Auswirkungen auf die öffentlichen Budgets müssen für die deutsche Raumfahrt weit in die Zukunft reichende Entscheidungen zur Wahrung der Wachstums- und Wettbewerbschancen des Standorts Deutschland getroffen werden. Gleichzeitig steht die europäische Raumfahrtpolitik nach dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages und den erweiterten Funktionen bei ESA und EU vor einem Wendepunkt. Nur wenn es gelingt, auf diese Herausforderungen angemessen zu reagieren, werden wir uns in einem äußerst kompetitiven Umfeld neue Möglichkeiten wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts erschließen.

 

>acatech empfiehlt

Die neuen Herausforderungen und die damit veränderten Rahmenbedingungen erfordern eine Anpassung der deutschen Raumfahrtpolitik und eine kohärente deutsche Raumfahrtstrategie, die nationalen, europäischen und internationalen Aspekten gleichermaßen Rechnung trägt. acatech appelliert nachhaltig an die Bundesregierung, ihre bestehenden Aktivitäten zur Förderung der Raumfahrt auch im Falle wirtschaftlich schwieriger Zeiten fortzusetzen und sogar auszuweiten. Ein heutiger Verzicht auf eine programmatische Erneuerung würde außer Acht lassen, dass sich die Notwendigkeit einer Anpassung der deutschen Raumfahrtpolitik in Zeiten besserer Konjunktur um so dramatischer stellen würde und könnte bei Wirtschaft und Wissenschaft antizyklische Effekte entstehen lassen.

Bedeutung des nationalen Raumfahrtprogramms

Bedeutung des nationalen Raumfahrtprogramms

Die zunehmende Bedeutung der Raumfahrt für neue Anwendungen bei Erdbeobachtung, Navigation und Telekommunikation sowie offene Fragen beim Raumtransport und der robotischen und bemannten Exploration
erfordern eine klare Positionsbestimmung und Prioritätensetzung in der deutschen Raumfahrtpolitik und der daraus resultierenden Programmatik. Das nationale Programm definiert dabei maßgeblich die deutsche Rolle im europäischen und internationalen Kontext und ist als Sprungbrett für europäische und internationale Beteiligungen unerlässlich.

 

> acatech empfiehlt
Das nationale Programm muss einerseits eigenständige Ziele verfolgen und zum anderen vorbereitende Aktivitäten für europäische und internationale Programme umfassen. Klare Prioritätensetzung bezüglich
wissenschaftlicher und technologischer Ziele und der angestrebten Missionsziele einschließlich Budget und Zeitrahmen sind notwendige Voraussetzungen für eine erfolgreiche nationale Strategie. Diese ist sowohl für Forschungseinrichtungen, Raumfahrtsystemfirmen wie auch für KMU von großer Bedeutung. Zudem sollte das nationale Programm erheblich zur inhaltlichen Gestaltung langfristig angelegter strategischer
Allianzen mit europäischen Partnern beitragen. Neben den bisherigen Partnern in der ESA sind die neuen osteuropäischen Mitgliedsländer der EU als potenzielle zukünftige ESA-Mitgliedsländer von besonderer
Bedeutung, um die deutsche Vernetzung zu verbessern. Ebenso sind Kooperationen mit aufstrebenden Raumfahrtnationen einzugehen.

Integriertes Management der Raumfahrtaktivitäten

Integriertes Management der Raumfahrtaktivitäten

Die Ausweitung der Raumfahrtaktivitäten insbesondere im Hinblick auf anwendungsorientierte Programme hat in Deutschland zu einer Zunahme verantwortlicher Ministerien im Bund und in den Bundesländern geführt.

 

> acatech empfiehlt
Auf Bundesebene sowie zwischen Bund und Ländern sind Maßnahmen zur verbesserten Koordination und Abstimmung erforderlich, beispielsweise durch die Wiederbelebung des Staatssekretärausschusses unter der Leitung des Bundeskanzleramts. Dieser Ausschuss sollte auch die grundsätzlichen Belange der Forschung, Ausbildung und der Industrie in seine Arbeit einbeziehen und diese bündeln. Die Umsetzung der deutschen Raumfahrtstrategie sollte einer einzigen Organisation mit gesamtverantwortlichem Management und technisch-wissenschaftlicher Kompetenz zur Implementierung aller nationalen,
europäischen und internationalen Raumfahrtaktivitäten Deutschlands übertragen werden.

Rollenverteilung zwischen ESA und EU

Rollenverteilung zwischen ESA und EU

Mit dem Vertrag von Lissabon wurde der EU erstmals eine explizite Kompetenz in der Raumfahrt zugesprochen. Die Rahmenbedingungen, unter denen EU-finanzierte Raumfahrtaktivitäten wie Galileo und GMES durchzuführen sind, haben sich nur als bedingt geeignet erwiesen.

> acatech empfiehlt
Die zukünftigen ESA/EU Beziehungen müssen im Sinne einer klaren Aufgabenteilung bei voller Berücksichtigung der jeweiligen Stärken der beiden Organisationen gestaltet werden. Dabei muss ESA eine eigenständige
Organisation bleiben, die für die Umsetzung aller EU- und ESA-Programme verantwortlich zeichnet.
Der europäische Weltraumrat muss als wesentliches politisches Entscheidungsgremium weiterentwickelt
werden.

Europäische und internationale Kooperation

Europäische und internationale Kooperation

Raumfahrtpolitik wird in den drei Ebenen nationales, europäisches und internationales Programm durchgeführt und setzt eine regelmäßige inhaltliche Abstimmung aller beteiligten Partner voraus.

 

> acatech empfiehlt
Die langfristige Kontaktpflege und Kooperation mit traditionellen europäischen (Frankreich und Italien) und internationalen Partnern (USA, Russland, Japan) sollten weiterentwickelt werden; mit aufstrebenden neuen
Partnern (China, Indien, Brasilien, Korea) sollten Beziehungen entwickelt und langfristig gestaltet werden - beides unter der Berücksichtung nationaler Prioritäten.

Ausbildung und universitäre Forschung

Ausbildung und universitäre Forschung

Universitäre und außeruniversitäre Raumfahrtforschung sind in Deutschland äußerst leistungsfähig. Große Chancen für eine noch effizientere, zielorientierte und nachhaltige Raumfahrtforschung bestehen in einer
stärker interdisziplinär und enger vernetzten Weiterentwicklung der bestehenden Forschungsstrukturen und einer verbesserten Koordination der Forschungsförderung. Das Studium der Luft- und Raumfahrttechnik hat in Deutschland große Tradition. Ein Mangel an Absolventinnen und Absolventen des Studiums der Luft- und Raumfahrttechnik führt gegenwärtig jedoch dazu,
dass nicht alle freiwerdenden Positionen in der Industrie adäquat wiederbesetzt werden können.

 

> acatech empfiehlt
Auch die universitäre Bildung und Forschung muss als wichtiges Teilelement in die nationale Raumfahrtstrategie mit einbezogen werden. Im Aufbau interdisziplinärer und eng vernetzter Ausbildungsstrukturen
liegt eine der größten Chancen für eine effiziente, zielorientierte und nachhaltige Ausbildung und universitäre Raumfahrtforschung. Dazu sollten thematische Forschungsverbünde, Exzellenz-Cluster oder Kompetenzzentren mit gemeinsamen Infrastruktur- und finanziellen Ressourcen (Raumfahrtagentur, Industrie, DFG, MPG, FhG und Industrie) durch die mit dem Raumfahrtmanagement betraute Organisation eingerichtet und in regelmäßigen Abständen evaluiert werden.
Die Lehre an den deutschen Hochschulen sollte stärker dem interdisziplinären und internationalen Charakter der Raumfahrt gerecht werden (Erhöhung der Mobilität der Studierenden, Ausbau der fächerübergreifenden Lehre, Einbeziehung von Vertretern der Industrie in die Lehre, curriculare Ausrichtung und Akkreditierung im europäischen Kontext).

Finanzierung

Finanzierung

Aufstrebende Staaten wie China, Indien oder Brasilien erweitern signifikant ihre Raumfahrtaktivitäten und setzen dabei auf neue Anwendungen bei Erdbeobachtung, Navigation und Telekommunikation, die für ihre
Bürgerinnen und Bürger und ihre politischen Ziele von großem Wert sind. Demgegenüber war das Raumfahrtbudget des Bundes bis zum Jahr 2006 unter Berücksichtigung der Inflation stetig rückläufig und hat zu einer Schwächung der deutschen Raumfahrt im internationalen wie europäischen Kontext geführt. Erst seit dem Jahr 2007 ist ein leichter Anstieg der öffentlichen Mittel zu verzeichnen, das gesamte zivile staatliche Budget Deutschlands für Raumfahrt betrugt im Jahr 2009 1.243 Mrd. €. Im internationalen Vergleich der öffentlichen Raumfahrtbudgets, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, belegt Deutschland hinter den USA, Frankreich und Japan lediglich Platz vier.

 

> acatech empfiehlt
Erst mit der Hightech-Initiative der Bundesregierung ist das Raumfahrtbudget seit 2007 wieder angestiegen - dies ist der richtige Weg, um international wieder den Anschluss zu finden und die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Dieser Trend muss langfristig inhaltlich und finanziell für strategische Teilbereiche verstetigt werden (z. B. Anwendungen und Technologien), damit Deutschland in weiten Bereichen
in Forschung und Entwicklung zu vergleichbaren Ländern aufschließen und hier die Raumfahrt ihr Potenzial in Wirtschaft, Wissenschaft und Dienstleistungen für die Gesellschaft voll ausschöpfen kann. Die Orientierung der deutschen Raumfahrtpolitik an einer schlüssigen, langfristigen Gesamtstrategie stellt gleichzeitig sicher, dass die aufgewendeten Mittel optimal eingesetzt werden können.

Internationale Repräsentanz

Internationale Repräsentanz

Deutschland muss als eine der führenden Raumfahrtnationen in Europa seine Interessenlagen in Wirtschaft, Forschung und Politik in den europäischen Institutionen wie ESA und EU und anderen internationalen Einrichtungen angemessen durch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf allen Ebenen, besonders jedoch in den Führungsebenen, vertreten können. Dies ist gegenwärtig nicht ausreichend der Fall.

 

> acatech empfiehlt
Zur Stärkung der internationalen Repräsentanz Deutschlands müssen vermehrte Anstrengungen zur gezielten Auswahl und Durchsetzung deutscher Kandidatinnen und Kandidaten getroffen werden. Dazu
müssen neue Wege zur Förderung von Nachwuchs und eines Pools von Führungskräften für europäische Einrichtungen und Industrien begangen werden.

Zukünftige Schwerpunkte

Zukünftige Schwerpunkte

Eine nationale Raumfahrtstrategie sollte auch Festlegungen hinsichtlich der inhaltlichen Aspekte treffen und eine deutsche Prioritätensetzung klar erkennen lassen.

 

> acatech empfiehlt
Wegen der zunehmenden Bedeutung der Raumfahrtanwendungen müssen klare inhaltliche Zielsetzungen bei Telekommunikation, Navigation und Erdbeobachtung sowie bei den integrierten Anwendungen
vorgenommen werden. Ebenso muss eine Prioritätensetzung bei den Weltraumwissenschaften getroffen werden.
acatech empfiehlt, in einem breiten Diskurs aller Beteiligten zu den als vordringlich angesehenen Grundsatzfragen der Bedeutung eines autonomen und garantierten Zugangs zum Weltraum für Deutschland
und der Entwicklung neuer Trägertechnologien eine Klärung herbeizuführen: Diese Klärung sollte auch die militärische Raumfahrt einschließen, falls sie Teil einer integrierten deutschen oder europäischen „dual-use“ Raumfahrtstrategie werden sollte.

In Europa und vor allem in Deutschland herrscht Unentschlossenheit über die Zukunft der bemannten Raumfahrt. acatech unterstreicht dabei für die anstehende Klärung, dass Exploration als gesellschaftlichkulturelle
Aufgabe und europäisches Vermächtnis wichtiger Bestandteil der Raumfahrt ist.

> acatech empfiehlt
Ziele, Chancen sowie Risiken zukünftiger Explorationsprogramme der bemannten und robotischen Raumfahrt müssen auf breiter nationaler und europäischer Ebene diskutiert werden. Zu klären ist auch die Zukunft
der ISS und Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit in der bemannten Raumfahrt. Exploration darf weder vorschnell und exklusiv auf eine Durchführung durch robotische Systeme verkürzt noch durch reine Technologiebeiträge zu Missionen von Drittländern aufgegeben werden, zumal dadurch der Verlust langfristig aufgebauter Kompetenzen einhergeht.

Strategische Kernbereiche

Strategische Kernbereiche

Das Beherrschen der Systemfähigkeit für Raumfahrtmissionen, die Weltraumwissenschaften, einschließlich der Forschung unter Weltraumbedingungen sowie die Vorentwicklung kritischer Technologien sind
strategische Kernbereiche für eine tragende Rolle Deutschlands in der europäischen und internationalen Raumfahrt.

 

> acatech empfiehlt
Die kritischen Kernbereiche Systemfähigkeit, Weltraumwissenschaften und Vorentwicklung wesentlicher Technologien für Anwendungs- und Infrastrukturprogramme müssen in einer nationalen Raumfahrtstrategie
klar identifiziert und langfristig angelegt sein - d. h. mindestens für einen Zeitraum von zehn Jahren, um Planungssicherheit und reelle Erfolgsaussichten für alle Beteiligten zu gewährleisten.