
International University Bremen Jacobs Center
for the study of Lifelong Learning
Vizepräsidentin Leopoldina
Rente mit 67, Kostenexplosion bei Gesundheit und Pflege – der demografische Wandel wird meist nur als Problem diskutiert. Heißt Älter werden zwingend länger alt sein? Was müssen wir tun, damit die steigende Lebenserwartung eine Chance sein kann? Diese Fragen diskutierten Christine Haderthauer, Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, die Akademien acatech und Leopoldina und Experten beim Symposium „Altern und Arbeitswelt“ am 9. Dezember in der BMW-Welt in München.
„Statt über Platituden wie den Krieg der Generationen oder Schreckensbilder einer vergreisenden Gesellschaft zu diskutieren, sollten wir fragen: Was müssen wir tun, damit die steigende Lebenserwartung gewonnene Jahre bedeuten kann? Auch die Technikwissenschaften sind hier gefragt, denn Technik kann helfen, geistige Fähigkeiten zu trainieren. Sie kann ältere Menschen am Arbeitsplatz und im Alltag unterstützen und ihre Unabhängigkeit erhöhen. Gemeinsam mit der Leopoldina haben wir in einer interdisziplinären Akademiengruppe Empfehlungen erarbeitet. Wichtig ist nun der Dialog von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, den wir beim Symposium in Kooperation mit dem Staatsministerium vertieft haben.“
Prof. Dr. Reinhard Hüttl, Präsident acatech
„Die Wirtschaft muss sich von dem jahrelang vorherrschenden Jugendwahn verabschieden. Von den Erfahrungen, dem Know-How und der Arbeitsleistung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können alle Unternehmen nur profitieren. Es gilt, die Älteren und deren Kompetenz wieder mehr wertzuschätzen und dies über die Umsetzung konkreter Maßnahmen in den Unternehmen auch sichtbar zu machen. Ich denke da insbesondere an das Gesundheitsmanagement und Weiterbildungsangebote für ältere Mitarbeiter. Gerade dort besteht in vielen Unternehmen noch Nachholbedarf“.
Christine Haderthauer, Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen
Vortrag Dr. Beatrix Behrens, Bundesagentur für Arbeit
Prof. Axel Börsch-Supan, Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demographischer Wandel
Dr. Helmuth Sinn, Autonome Provinz Bozen-Südtirol
Dr. Hans-Peter Klös, Institut der deutschen Wirtschaft Köln
Petra Meißner, MAHLE Behr Industry Reichenbach GmbH
„Das Alter beginnt mit 65 Jahren.“
Falsch. Die Vorstellung, das Alter würde mit einem bestimmten Lebensjahr beginnen, ist zwar alt, aber dennoch eine soziale Konstruktion. Sie stammt aus der antiken Welt, hat in Europa im Mittelalter und in der Neuzeit weitergelebt und ist auch in außereuropäischen Kulturen verbreitet. Die wenigsten Menschen wussten früher genau, wie alt sie waren, und es war für ihre Lebens- und Arbeitswelt auch nicht relevant. Mit dem modernen Staat, mit der industriellen Arbeitswelt und mit den Rentensystemen des 20. Jahrhunderts haben kalendarische Altersgrenzen praktische Wirkung für alle erlangt. Heute werden
sie mehr und mehr fragwürdig: Sie ignorieren, dass immer mehr Menschen in immer höherem Alter zu einem aktiven und selbstbestimmten Leben fähig sind.
„Wenn man das kalendarische Alter kennt, weiß man viel über eine Person.“
Falsch. Je älter wir werden, desto weniger aussagekräftig wird das kalendarische Alter. Während gleichaltrige Babys und Kleinkinder ihre Fertigkeiten und Bedürfnisse mit nur wenigen Monaten Unterschied erwerben und ausbilden, nehmen die Unterschiede zwischen den Erwachsenen immer mehr zu. Bis ins Jugendalter hinein erlaubt das kalendarische Alter recht gute Rückschlüsse, aber im Erwachsenenalter vergrößern sich die Unterschiede
zwischen den Individuen zunehmend, da menschliche Entwicklung nicht im Abspielen eines festgelegten Programms besteht, sondern aus der kontinuierlichen Wechselwirkung zwischen biologischen, kulturellen und persönlichen Einflüssen entsteht. Im Alter sind die Unterschiede zwischen Menschen gleichen Alters dann so groß, dass ein 70-Jähriger geistig ebenso leistungsfähig sein kann wie ein 50-Jähriger – aber ebenso ein 70-Jähriger aussehen und sich fühlen kann wie ein 90-Jähriger.
„Alte Menschen können nichts Neues mehr lernen.“
Falsch. Solange der Mensch lebt und nicht durch Krankheit stark beeinträchtigt ist, kann er Neues lernen. Lernen und Veränderung hängen aber auch von den Ressourcen und den Anreizen ab, die einer Person zur Verfügung stehen. Erwachsene lernen besonders gut, wenn sie einen konkreten Nutzen erkennen und das neue Wissen anwenden können. Die Bereitschaft, im Erwachsenenalter zu lernen, ist vor allem auch abhängig von der Vorbildung.
„Ältere Beschäftigte sind weniger produktiv.“
Falsch (in dieser allgemeinen Formulierung). Ältere und jüngere Beschäftigte unterscheiden sich in ihren Stärken und Schwächen. Ältere Beschäftigte mögen körperlich weniger kräftig und weniger reaktionsschnell sein, dafür haben sie im Allgemeinen mehr Erfahrung, soziale Fertigkeiten und Alltagskompetenz. Produktivität hängt davon ab, wie diese Fähigkeiten für die jeweilige Tätigkeit gewichtet sind und wie sie zum jeweiligen Arbeitsplatz
passen. In Betrieben, in denen die Wertschöpfung präzise gemessen werden
kann, zeigt sich, dass Arbeitsteilung und -organisation altersspezifische Vor- und Nachteile bis zur gegenwärtigen Altersgrenze in etwa ausgleichen. Im Übrigen nehmen auch die Krankheitstage nicht zu, wie ein weiteres gängiges Vorurteil lautet. Ältere Arbeitnehmer fehlen zwar länger, wenn sie einmal krank sind, werden aber seltener krank als Jüngere. Jüngere und Ältere unterscheiden sich auch nicht darin, wie häufig sie Verbesserungen
und Innovationen im Betrieb vorschlagen.
„Alte Menschen wollen mit moderner Technik nichts zu tun haben.“
Falsch. Auch sehr alte Menschen nutzen Technik gerne, wenn sie ihnen den Alltag erleichtert und ihnen dabei hilft, ihre Ziele zu erreichen. Viele ältere Menschen können dank technischer Unterstützung ihren eigenen Haushalt führen und sich in ihrem außerhäuslichen Umfeld besser zurechtfinden. Technik kann die Auswirkungen alterungsbedingter Einbußen und Einschränkungen vermeiden, hinauszögern, ausgleichen und abschwächen, indem sie Fähigkeiten trainiert, Alltagskompetenzen unterstützt und Vitalfunktionen überwacht. Sie kann die Gewohnheiten und Vorlieben der Nutzer erlernen und bei Bedarf unterstützen. Außerdem ist sie ein Tor zur Welt auch für Menschen mit
körperlichen Einschränkungen – immer mehr ältere Erwachsene nutzen das Internet.
„Die Alten nehmen den Jungen die Arbeitsplätze weg.“
Falsch. Die verstärkte Beschäftigung älterer Arbeitnehmer steht in der Volkswirtschaft nicht grundsätzlich in Konkurrenz zu einer verstärkten Beschäftigung jüngerer Arbeitnehmer, sondern kann sie sogar fördern. Denn über eine Senkung der Lohnnebenkosten und aufgrund niedrigerer Sozialversicherungsbeiträge trägt sie zur Schaffung neuer Arbeitsplätze
und zu gesteigertem wirtschaftlichem Wachstum bei. Frühverrentung hingegen belastet durch höhere Sozialversicherungsbeiträge auch die jüngeren Arbeitnehmer und steigert die preisbedingte Absatzschwäche der Produkte. Beides zusammen verringert die Beschäftigung. Ganz in diesem Sinne zeigt es sich auch, dass in OECD-Ländern mit hoher Frühverrentungsquote (z.B. Frankreich, Italien) die Jugendarbeitslosigkeit nicht etwa besonders niedrig, sondern besonders hoch ist.
„Volkswirtschaften mit alternder Bevölkerung sind zum Nullwachstum verdammt.“
Falsch. Das Wirtschaftswachstum hängt vom Wachstum der Anzahl der Beschäftigten mal deren Arbeitsstunden ab. Die Arbeitsproduktivität sinkt keineswegs unabänderlich mit dem Alter der Beschäftigten (vgl. Legende 4). Durch verstärkte Aus- und Weiterbildung und durch erhöhten Einsatz von Maschinen und Computern kann sie sogar weiter verbessert werden. Auch die Anzahl der Beschäftigten muss nicht notwendigerweise sinken, wenn mehr alte Menschen in dieser Gesellschaft leben. Wir haben in Deutschland
im internationalen Vergleich ein niedriges Niveau der Beschäftigung von Frauen und älteren Menschen. Wenn man über die nächsten 25 Jahre die Erwerbsquoten in Deutschland an die der Nachbarn Dänemark und Schweiz angleicht, kann der Altersstrukturwandel fast vollständig ausgeglichen werden. Ob wir auch in Zukunft das gleiche Wirtschaftswachstum wie heute oder ein Nullwachstum haben, hängt also ganz entscheidend von unseren Anstrengungen ab, höhere Beschäftigungsquoten zu erzielen und
die Beschäftigten besser aus- und weiterzubilden.
„Ältere Arbeitnehmer müssen durch besondere Regeln geschützt werden.“
Falsch (in dieser Pauschalität). Ein starker Schutz der Älteren, die einen Arbeitsplatz besitzen („Insider“), kann sich gegen diejenigen älteren Menschen wenden, die keinen Arbeitsplatz haben oder ihn gerade verloren haben („Outsider“). Soweit Betriebe beispielsweise davon ausgehen, dass ältere Arbeitnehmer einem erhöhten Kündigungsschutz unterliegen, werden sie bei der Neueinstellung von Arbeitnehmern jüngere Arbeitnehmer mit geringerem Kündigungsschutz vorziehen, um sich so eine höhere Flexibilität des
Personalbestandes zu erhalten.
„Steigende Lebenserwartung bedeutet mehr Krankheit und Pflege.“
Falsch. Gesundheitliche Einschränkungen und chronische Behinderungen im Alter haben sowohl bei Männern als auch bei Frauen im Vergleich zu früheren Jahren abgenommen. Die durchschnittliche gesunde Lebenszeit jenseits des 65. Lebensjahres ist allein in der Dekade der 1990er um zweieinhalb bzw. eineinhalb Jahre gestiegen (Männer/Frauen). Schlaganfall und Herzinfarkt werden dank des medizinischen Fortschritts heute öfter überlebt. Beeinträchtigungen durch diese Erkrankungen werden seltener, und sie können mit modernen technischen und medizinischen Hilfsmitteln heute besser ertragen werden. Die Lebensqualität ist trotz chronischer Krankheit und/oder Behinderung besser als früher. Insgesamt hat das Risiko, pflegebedürftig zu werden, in Deutschland in den letzten Jahren abgenommen.
„Prävention und Rehabilitation können im Alter nichts mehr bewirken.“
Falsch. Prävention und Rehabilitation sind in allen Lebensphasen, aber gerade auch im Alter unerlässlich und effektiv. Alte Menschen profitieren enorm von gezielter und früh einsetzender Rehabilitation, etwa nach einem Schlaganfall, Herzinfarkt oder Sturz. Behinderung und Pflegebedürftigkeit können dadurch oft verhindert werden. Gesunde Ernährung, körperliche Aktivität, Nichtrauchen und Schutz vor Passivrauchen sind die Grundpfeiler von Gesundheitsförderung und Prävention. Deshalb sollte auf individueller und staatlicher Ebene alles getan werden, um besseres Ernährungsverhalten, mehr körperliche Aktivität und weniger Zigarettenkonsum in der Bevölkerung zu erreichen. Die individuelle Leistungsfähigkeit ist keine statische Eigenschaft, sie kann und muss durch Aktivität und Lebensweise erhalten oder immer wieder hergestellt werden.
„Altern führt zu geringerer Mobilität.“
Falsch. Ältere Menschen sind vielfältig mobil, wenngleich sich die Mobilitätszwecke verändern. Mobilität und Aktivität stehen in einem engen Wechselverhältnis. Das gilt für die alltäglichen Mobilitätsformen und die Wohnortwechsel im Lebensverlauf. Allerdings sind oft die Mobilitätsbedürfnisse der Alten und die Mobilitätsangebote ihrer Umgebung nicht richtig aufeinander abgestimmt. So werden ältere Menschen zu früh und gezwungenermaßen
immobil, bewegen sich weniger in der Öffentlichkeit, nehmen weniger Angebote
wahr und leben mit einer Infrastruktur, die nicht optimal für eine Gesellschaft
aller Altersstufen eingerichtet ist.
„Alte Menschen fallen ihren Angehörigen zur Last.“
Falsch. Insgesamt unterstützen alte Menschen ihre Angehörigen in der Regel mehr, als sie von ihnen unterstützt werden. Das geschieht finanziell, aber auch durch praktische Hilfe, z.B. durch Mithilfe im Haushalt und durch Betreuung der Enkelkinder, wenn die Eltern abwesend sind. Wenn man die finanziellen Leistungen zwischen den Generationen in der Familie und den Geldwert solcher Arbeitsleistungen zusammenrechnet, so sind die Älteren bis zum 80. Lebensjahr die Gebenden, erst danach überwiegt das Nehmen. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass junge Erwachsene die Schwierigkeiten des Berufseinstiegs und der Familiengründung besser meistern können. Darüber hinaus engagieren sich die Älteren auch in beträchtlichem Maße im ehrenamtlichen Bereich.
„Ein Kampf der Generationen steht bevor."
Falsch. Weder in der Familie und Zivilgesellschaft noch in der Politik nehmen die Gegensätze zwischen den Generationen stärker zu als der Zusammenhalt zwischen ihnen. Außerdem: Das Alter ist eine Lebensphase, die alle erreichen möchten. Insofern würde man als Junger in einem Kampf der Generationen in gewisser Weise gegen sich selbst kämpfen.
„An den demographischen Wandel muss sich unsere Gesellschaft durch Seniorenpolitik anpassen.“
Falsch. Politik für Alte muss sich auf den ganzen Lebenslauf richten. Denken wir vom Alter her, müssen wir das Gesamtsystem verändern – zum Wohle aller. Versuchen wir zum Beispiel nicht die frühen Bildungsprozesse zu optimieren, rächt sich das ein Leben lang, bis ins hohe Alter hinein. Kümmern wir uns nicht um die Optimierung des Humanvermögens und damit der Produktivität, so fehlen die Ressourcen zur Finanzierung von Gesundheitsleistungen und Renten im Alter. Verbessert man die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, erhöht sich die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt und damit die Produktivität, die wiederum wichtige Ressourcen für das Alter zur Verfügung stellt.
„Alternde Gesellschaften sind reformunfähig.“
Falsch. Eher ist das Gegenteil der Fall: Im Hinblick auf die Reorganisation der Arbeitswelt, des Bildungssystems, der sozialstaatlichen Regeln u. a. enthüllt und verstärkt das demographische Altern den Reformbedarf; es erhöht den politischen Handlungsdruck. Falls sich die Institutionen und die Einstellungen dieser Herausforderung gewachsen zeigen, statt sie zu blockieren, ist die Beschleunigung von Neuerung und Anpassung, ist gesellschaftliche
Dynamik die Folge.
Damit die Chancen durch eine steigende Lebenserwartung in den Vordergrund rücken, müssen überkommene institutionelle, kulturelle und soziale Ordnungen, aber auch lange gewachsene Gewohnheiten überdacht und angepasst werden. Jeder Einzelne ist genauso gefordert wie Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes.
Für den Einzelnen bedeutet dies ...
Wann ist ein Mensch alt? Mit 60? Mit 65? Oder doch erst mit 75 oder 80? Tatsache ist: Das kalendarische Alter ist eine rein rechnerische Größe. Keine Lebensphase ist so individuell wie das Alter. Denn das Spektrum von Fähigkeiten in einer Gruppe von Gleichaltrigen wird zunehmend breiter. Der Stempel „Alt“, der Älteren von der Gesellschaft verpasst wird, taugt für die persönliche Entwicklung und Lebensgestaltung nicht mehr. Ein 60-Jähriger ist heute so fit wie ein 55-Jähriger der vorherigen Generation. Wenn wir uns von
überkommenen Altersbildern lösen, haben wir die Chance auf ein vielfältigeres, zufriedeneres und erfüllteres Leben.
Die Voraussetzungen für ein erfülltes und produktives Leben im Alter entwickeln und erneuern wir im Verlauf unseres gesamten Lebens. Dies gilt besonders für die Weiterentwicklung unserer Kenntnisse und Fähigkeiten – Stichwort „Lebenslanges Lernen“. Nur wer die Ausbildungsphase vor dem Eintritt ins Berufsleben immer wieder durch Bildungsphasen während seines gesamten Berufslebens ergänzt, kann die eigene Entwicklung im Verlauf eines abwechslungsreichen Berufslebens befördern und sich auch in einer sich ständig verändernden Arbeitswelt behaupten. Statt „fünf Tage im Jahr“ sollten
„fünf Jahre im Leben“ zum Richtwert bei der Gestaltung individueller Weiterbildungsbiografien werden. Denn ein Zusammenhang ist wissenschaftlich erwiesen: Wer lernt, lebt länger.
Ruheständler wollen ihre Zeit nicht nur mit Ausruhen verbringen. Es gibt in den älteren Generationen ein starkes Bedürfnis, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen. Zugleich ist die verstärkte Erwerbsbeteiligung dieser Gruppe aus volkswirtschaftlichen Gründen unerlässlich. Die vielfach vorhandene Bereitschaft der älteren Generationen, sich an der gesellschaftlichen Wertschöpfung zu beteiligen, sollte genutzt werden. Beispielsweise durch einen gesonderten Arbeitsmarkt, der so genannte „zweite Karrieren“ in nicht angestammten
Arbeitsbereichen oder Branchen und mit veränderten Arbeitszeiten ermöglicht.
Alter braucht Vorbereitung: Die Aussicht auf ein längeres Leben sollte so früh wie möglich in die persönliche Lebensgestaltung einfließen. Nur wer seine Gesundheit erhält, kann das längere Leben umfassend nutzen. Der Gesetzgeber sollte Bürgerinnen und Bürger deshalb bei der frühzeitigen Vorsorge unterstützen – etwa durch breit angelegte und möglichst früh einsetzende Bildungsprogramme und eine Stärkung der präventiven Medizin.
Für Unternehmen folgt daraus...
Ältere Menschen können mit ihrer Erfahrung, ihrem Wissensschatz und ihrer sozialen Kompetenz maßgeblich zum Erfolg eines Unternehmens beitragen. Allerdings wird dieses Potenzial viel zu selten genutzt. Stigmatisierung und Fehlurteile versperren älteren Menschen allzu oft den Zugang zum Arbeitsmarkt. Fakt ist aber: Ein Rückgang in der Produktivität Älterer bis 65 Jahre lässt sich bisher in Untersuchungen nicht belegen.
Mit zunehmendem Alter lassen bestimmte Fähigkeiten nach, andere wiederum nehmen zu – Arbeitnehmer haben nicht nur unterschiedliche, sondern auch sich verändernde Leistungs- und Qualifikationsprofile. Um Mitarbeiter möglichst produktiv einzusetzen, müssen die Stärken und Schwächen verschiedener Altersgruppen bei der Arbeitsorganisation berücksichtigt werden. Die Kunst der Arbeitsteilung besteht gerade darin, Menschen diejenigen Aufgaben zuzuordnen, die sie im Zusammenspiel mit anderen Menschen – auch anderen Alters – am besten erfüllen können.
Ältere Arbeitnehmer sind leistungsfähig. Leider werden Menschen zu selten dort eingesetzt, wo ihre Fähigkeiten am besten zum Zuge kommen. Um die Produktivitätsreserven älterer Arbeitnehmergenerationen zu aktivieren, müssen Tätigkeitswechsel erleichtert werden.
Die Gleichung ist einfach: Ein Betrieb, der unter den Bedingungen des demographischen Wandels Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität bewahren will, muss die Wettbewerbsfähigkeit und die Produktivität seiner Mitarbeiter erhalten. Dies gelingt vor allem durch kontinuierliche Investitionen in Qualifikation und Kompetenzentwicklung aller Beschäftigten. Lernfähigkeit ist eben keine Frage des Alters – und die Weiterbildung der Mitarbeiter eine zentrale Voraussetzung zur nachhaltigen Nutzung von Arbeitskraft. Bislang wird dieser Erkenntniszusammenhang noch zu selten in die Tat umgesetzt – gesetzgeberische Anreize für neue berufliche Chancen auch nach Vollendung des 50. Lebensjahres könnten die Situation verbessern.
Für Gesetzgeber, Verwaltungen, Medien und Verbände bedeutet das ...
Altern ist keine Krankheit. Tatsächlich bleiben wir länger gesund, in den letzten Jahren hat die Dauer der hochaltrigen Krankheits- und Abhängigkeitsphase abgenommen – und eben nicht zugenommen. Die Gesellschaft als Ganzes ist dazu aufgefordert, das einseitig negativ geprägte Altersbild zu revidieren.
Die Zeit der Ausbildung fällt in die Jugend, die Berufstätigkeit prägt das Leben der Erwachsenen, und im Alter genießen wir den Ruhestand. Diese herkömmliche Dreiteilung prägt leider noch immer unsere Auffassung von einem typischen und idealen Lebensweg. Sie lässt die Möglichkeiten, die der demographische Wandel bietet, unberücksichtigt. Menschen werden aufgrund ihres Alters auf Rollen festgelegt und damit wird ihr Spielraum – auch ihr Leistungsspielraum – begrenzt. Wenn wir dagegen dieses unter den gegebenen demographischen Umständen zukunfts- und entwicklungsfeindliche Modell auflockern, lassen sich individuelle und gesellschaftliche Potenziale besser nutzen.
37 Prozent der 60- bis 69-Jährigen engagieren sich bereits heute zivilgesellschaftlich. Und weitere 25 Prozent – zwei Millionen Menschen – wollen es tun, wenn sich ihnen passende Gelegenheiten eröffnen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diese Möglichkeiten zu schaffen. Denn die bessere gesellschaftliche Teilhabe älterer Generationen schafft Mehrwert – für die Älteren selbst und für die Gesellschaft als Ganzes.
Der Krieg der Generationen fällt aus: Die Produktivität der gewonnenen Jahre bietet auch einer Gesellschaft mit alternder Bevölkerung die Chance auf Wachstum und Wohlstand. Die Nutzung dieses Potenzials geht nicht auf Kosten der jüngeren Generation. Vielmehr kann es nur einer Gesellschaft für alle Lebensalter gelingen, den demographischen Wandel in eine Chance zu verwandeln. Eine notwendige Erneuerung des Generationenvertrags ist daher möglich, ohne dessen unbestrittene Errungenschaften in Frage zu stellen. Dazu bedarf es einer entsprechend ausgerichteten Arbeits-, Beschäftigungs- und Gesundheitspolitik.