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Wassermangel in Nordostdeutschland

Die Folgen des globalen Klimawandels in der Region: Am 22. und 23. April findet in Potsdam die Konferenz "Aktuelle Probleme im Wasserhaushalt von Nordostdeutschland: Trends, Ursachen, Lösungen" mit anschließender Exkursion statt. Mehr

News, Aktuelles Thema

Die Glaubwürdigkeitskrise der Klimaforschung: Fragen an acatech Präsident Reinhard F. Hüttl

acatech Präsident Reinhard F. Hüttl

Potsdam,

21. April 2010

Die Klimaforschung ist weltweit durch fehlerhafte Angaben, wie ein angebliches Abschmelzen sämtlicher Himalajagletscher bis 2035, ins Gerede gekommen. Mittlerweile ist selbst die Glaubwürdigkeit des einflussreichen Weltklimarates IPCC beeinträchtigt. Im Kern geht es letztendlich um die Frage, welche Evidenz Wissenschaftler nachweisen können, um komplexe Vorgänge wie die Klimadynamik für die Politik auf Formeln wie ein Zwei-Grad-Ziel zu vereinfachen. In einem ausführlichen Hintergrundartikel im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ weist der Leiter des GeoForschungsZentrums in Potsdam und Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, Reinhard F. Hüttl, darauf hin, Erkenntnis und Glaube zu trennen. Nach seinen Worten gibt es jedoch immer mehr Wissenschaftler, die eigentlich Politiker sein wollen.

 

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Herr Hüttl, im „SPIEGEL“ werden Sie mit den Worten zitiert: „Wissenschaftler dürfen sich ihren Thesen niemals so ergeben, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sie im Lichte neuer Erkenntnisse zu widerlegen.“ Mit Verlaub, aber ist das nicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit?

 

Im Grunde genommen: ja. In bestimmten Bereichen gelingt es aber nicht immer, wissenschaftliche Arbeitshypothesen – das sind zunächst Annahmen oder Vermutungen – mit einer hinreichend eindeutigen Faktenlage zu untermauern. Trotzdem geschieht es immer wieder, dass Arbeitshypothesen auch ohne adäquate wissenschaftliche Ergebnisbasis nach und nach zu Thesen werden, also als sogenanntes gesichertes Wissen behandelt werden. In anderen Fällen werden wissenschaftliche Hinweise, die sich eher noch am Beginn der Erforschung befinden, dazu genutzt, politische Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Derartige Prozesse können vor allem dann entstehen, wenn es um die „gute Sache geht“. Dabei entsteht – gerade auch in der Kommunikation über die beziehungsweise mit den Medien – nicht selten eine Gemengelage, bei der auf Seiten der damit befassten Wissenschaftler das Problem auftritt, darauf hinzuweisen – und zwar eindeutig –, dass die zunächst angenommene Arbeitshypothese zumindest zum aktuellen Zeitpunkt als wissenschaftlich nicht hinreichend belegt anzusehen ist.

 

Wie ist es Ihrer Ansicht nach um einen Wissenschaftszweig bestellt, bei dem selbst nüchterne Beobachter von einem „Glaubenskrieg“ zwischen Alarmisten und Skeptikern sprechen?

 

Eine derartige Aufteilung in Alarmisten und Skeptiker ist aus meiner Sicht für wissenschaftliches Arbeiten kontraproduktiv; denn dies führt zu einer Polarisierung auch in der Wissenschaft, die dort – zumindest in dieser Form – keinen Platz hat. Wir unterscheiden hier nicht zwischen richtiger Forschung, also solchen Forschungsergebnissen, die einer bestimmten Mainstream-Arbeitshypothese gerecht werden, und falschen Resultaten, die dieser Mainstream-Hypothese zuwider laufen, sondern zwischen guter und schlechter Forschung. Gute Forschung beruht auf guter wissenschaftlicher Praxis, zum Beispiel adäquater Methodenkompetenz, hinreichender statistischer Auswertung, Reproduzierbarkeit von experimentellen Studien, transparenten Modellierungsanwendungen etc. Es ist also zutiefst unwissenschaftlich und dem gesamten Wissenschaftsprozess abträglich, wenn mit guter Wissenschaft Ergebnisse erzielt werden, diese aber unberücksichtigt bleiben oder gar als abwegig bezeichnet werden, nur weil sie nicht in das vorgefasste Mainstreambild passen. Ganz im Gegenteil – derartige Ergebnisse sind besonders wertvoll, weil sie die wissenschaftliche Diskussion anregen und dazu führen, die zunächst angenommene Arbeitshypothese zu überprüfen und ggf. auch zu verwerfen. Nach Sir Karl Popper ist die Falsifikation von Arbeitshypothesen eine ganz zentrale Aufgabe der Wissenschaft; denn so lassen sich immer wieder neue Arbeitshypothesen beziehungsweise möglichst gute Fragestellungen ableiten. Nur wer am Ende die wirklich richtigen Fragen stellt, wird auch die richtigen Antworten erhalten.

 

Die Sehnsucht nach einfachen Erkenntnissen ist ein zutiefst menschliches Phänomen. Warum hat sich Ihrer Einschätzung nach ausgerechnet die Klimaforschung so bereitwillig darauf eingelassen, Politik und Öffentlichkeit Hypothesen als gesicherte Erkenntnisse zu vermitteln?

 

Es besteht kein Zweifel, dass sich das Klima verändert. Das einzig Verlässliche am Klima ist dessen permanente Dynamik. Es besteht auch kein Zweifel, dass es im Rahmen der aktuellen Klimaveränderung im globalen Durchschnitt zu einer Erwärmung gekommen ist, allerdings sind die regionalspezifischen Auswirkungen dieser Klimadynamik durchaus sehr differenziert. Es kann also in bestimmten Regionen trotzdem kälter werden. Auch wenn der Meeresspiegel global jährlich um etwa drei Millimeter ansteigt, gibt es gleichwohl Regionen, in denen der Meeresspiegel aktuell sinkt. Das Problem bei dieser Debatte ist nicht die Klimaveränderung an sich, sondern es ist die Frage nach den Ursachen. Auch in diesem Zusammenhang steht inzwischen fest, dass der Mensch durch die gesteigerte Emission der sogenannten Treibhausgase einen Beitrag zu dieser Veränderung leistet.

Die nach wie vor offene Frage ist aber: Wie groß ist dieser Anteil und welchen Einfluss haben die natürlichen Klimafaktoren, die bislang immer die Klimadynamik dominiert haben? Die inzwischen von praktisch allen Seiten bestätigte Unsicherheit in diesem Bereich ist letztendlich auch der Grund der Debatte um das so genannte Zwei-Grad-Ziel. Die Erreichbarkeit dieses Zieles lässt sich aber geowissenschaftlich nicht begründen. Es handelt sich hierbei vornehmlich um ein politisches Ziel. Andererseits darf diese Unsicherheit nicht dazu genutzt werden, den anthropogenen Anteil an der Klimadynamik zu negieren und die relevanten Emissionen nicht weiter möglichst stark zu reduzieren. Da wir die mit dem Klimawandel verbundenen Effekte auch bei allen Anstrengungen ganz sicher nur teilweise beeinflussen können, ist neben der Treibhausgasreduktion (Mitigation) auch viel stärker auf die Problematik Anpassung (Adaption) an die Auswirkungen des Klimawandels zu fokussieren. Diese Auswirkungen sind – wie bereits ausgeführt – regional differenziert, d.h. es sind jeweils spezifische Anpassungsstrategien zu entwickeln.

 

Wenn wir uns – was ich tatsächlich glaube – auf dem Weg in eine Informations- bzw. Wissenschaftsgesellschaft befinden, dann müssen wir uns mit dem Produkt bzw. Begriff Wissen in besonderer Weise auseinandersetzen. Wir müssen unterscheiden zwischen gesichertem Wissen, unsicherem Wissen und dem Nichtwissen. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, Wissen zu generieren, aber eben auch vorhandenes Wissen ständig zu hinterfragen, um unser Wissen vor dem Hintergrund neuer Möglichkeiten zu optimieren beziehungsweise immer noch sicherer zu machen. Denken wir im Bereich der Erdsystemforschung nur einmal an die völlig neue Perspektive der  Erdbeobachtung durch weltraumgestützte Satellitenmessungen und die daraus abgeleiteten Navigationstechnologien.

In der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik wird einfach zu wenig auf diese notwendige Differenzierung geachtet. So wird eben aus einer Hypothese schon vergleichsweise schnell einmal eine These, aus einer Annahme wird eine Tatsache, aus einer spekulativen Überlegung eine Problematik mit großer Eintrittswahrscheinlichkeit. Dieses Phänomen trifft übrigens nicht nur für die Klimaforschung, sondern auch für zahlreiche andere Bereiche zu. Da aber die Klimathematik praktisch alle Bereiche menschlichen Handelns betrifft, wird diese undifferenzierte Kommunikationsweise in diesem Bereich besonders augenscheinlich. Hier sehe ich übrigens eine wichtige Aufgabe der Akademien. Als unabhängige wissenschaftliche Einrichtungen sind Akademien in besonderer Weise geeignet, vorhandenes Wissen, einschließlich neuester Erkenntnisse mit Blick auf ihr Zustandekommen und auch bezüglich ihrer Aussagekraft, umfassend zu bewerten, aber auch um Wissensdefizite und damit entsprechende Unsicherheiten deutlich zu machen.

 

Wie ist es überhaupt möglich, in einem derart komplexen und politisch aufgeladenen Klima zuverlässige oder zumindest belastbare Prognosen zu treffen?

 

Es ist wichtig, die verschiedenen Aufgaben und Zuordnungen klar zu beschreiben und dann auch zur Umsetzung zu bringen. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaftler, politische Entscheidungen zu treffen; und Politik kann sich immer nur auf das Wissen, das aktuell wirklich vorhanden ist, stützen. Es ist also die vornehmste Aufgabe der wissenschaftlichen Politikberatung, vorhandenes Wissen für mögliche politische Handlungsoptionen aufzubereiten, dabei aber Arbeitshypothesen nicht als praktisch gesichertes Wissen vorzutragen, sondern auch auf die vorhandenen Unsicherheiten hinzuweisen. Politik muss eben auch bei unsicherem Wissen handeln. Dies gilt übrigens auch für die Wirtschaft. Es ist also Aufgabe der Entscheidungsträger, die Entscheidungen zu fällen, und dafür müssen die Entscheidungsträger auch entsprechend gewürdigt werden. Wissenschaftler müssen – jedenfalls solange sie wissenschaftlich arbeiten – in der Lage sein, auch lieb gewonnene Arbeitshypothesen zu verwerfen, wenn neue Erkenntnisse dies erfordern.

 

Was bedeutet die Glaubwürdigkeitskrise der Klimaforschung für wissenschaftsbasierte Politikberatung und ihre Standards? 

 

Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut für die Akzeptanz wissenschaftlichen Arbeitens. Wissenschaft kann ihre Arbeit nur selbst evaluieren. Wenn die dafür von der Wissenschaft selbst generierten Standards nicht eingehalten werden, bedeutet dies eben einen Verlust der Glaubwürdigkeit. Dies ist aber nicht nur ein Problem für die Wissenschaft, sondern für die gesamte Gesellschaft. Denn worauf sollen wir unsere Entscheidungen in Zukunft bauen? Wer kann schon sagen, ob Vulkanwolken ein Problem für die Flugsicherheit sind und wo sich diese Wolken befinden beziehungweise wie diese sich zeitlich und räumlich entwickeln?

 

Ist die öffentliche Diskussion um die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung jetzt nicht auch ein willkommenes Alibi dafür, jedwede Klimaveränderung in Abrede zu stellen und somit beispielsweise den besonders ressourcenfressenden Industriezweigen dringend notwendige Anpassungen zu ersparen?

 

Wie bereits eingangs formuliert, besteht kein Zweifel daran, dass sich das Klima verändert, und zwar global betrachtet in Richtung Erwärmung. Es besteht auch kein Zweifel, dass der Mensch daran beteiligt ist. Der Mensch befrachtet die Atmosphäre mit Treibhausgasen, die es in dieser Menge natürlicherweise nicht geben würde. Damit sind Risiken und Gefahren verbunden, und deshalb ist es Aufgabe der Politik, im Sinne der Vorsoge zu handeln. Neben der Klimadebatte gibt es aber noch das Nachhaltigkeitsparadigma, das ganz klar auf Ressourcenschonung bzw. insbesondere auf Ressourceneffizienz ausgerichtet ist. Neben der ökologischen und sozialen existiert hier auch eine ganz eindeutige ökonomische Dimension. Viele Ressourcen werden – da sie grundsätzlich knapp sind – teurer werden. Schon aus diesem Grunde ist es in jeder Hinsicht sinnvoll, möglichst effizient zu agieren –  aber auch aus der Verantwortung für folgende Generationen. 

 

Jenseits von Zahlen und Szenarien: Lässt sich der globale Wandel schon heute konkret beobachten?

 

Ja, sogar direkt vor unserer Haustüre. Beispielsweise am Wasserhaushalt in Brandenburg. Dort beobachten wir seit längerem, dass der Grundwasserspiegel sinkt, was sich massiv auf die Wasserversorgung in der Region auswirkt. In der Region Brandenburg lässt sich im Kleinen beobachten, wie komplex die Gemengelage von Ursache und Wirkung ist. Denn in Betracht gezogen werden muss neben lokalen Auswirkungen des Klimawandels auch die Nutzung durch Land- und Waldwirtschaft. Deswegen haben wir dem Thema am 22./23. April in Potsdam eine Konferenz in Kooperation mit dem GeoForschungsZentrum gewidmet, die erstmals Experten zum Thema Wasser in Ostdeutschland jenseits von Fächer- und Landesgrenzen zusammen bringt.

 

Global denken, lokal handeln, war eine Maxime der Stadtplanung Anfang des vorigen Jahrhunderts. Führt der Weg aus der globalen Glaubwürdigkeitskrise der Klimaforschung auch zurück über die ganz konkreten Befunde in der Region?

 

Ja, durchaus. Deshalb bieten wir im Rahmen der Tagung auch eine Exkursion in die Region an. Die zeigt: Ursachen, Wirkungen und auch unser Umgang mit Umwälzungen im Wasserhaushalt sind auch mit bloßem Auge erkennbar, hängen aber nicht immer nur von Klimawandel und CO2-Anteilen ab. Klima ist eben ein wirklich komplexes System, das wir bei weitem noch nicht durchschauen, auf das wir aber heute reagieren sollten und auch können.