
Bereichsleiter Kommunikation acatech Geschäftsstelle
ohlendorf@acatech.de
Presseinformationen und News, Aktuelles Thema
Frankfurt am Main,
15. Oktober 2010Das Senckenberg-Museum in Frankfurt hat für die Gäste des Journalistenworkshops Synthetische Biologie ausnahmsweise die Stahltüren in den Tiefspeicher geöffnet. In den weitläufigen Kellerräumen lagern abertausende präparierte Tiere jeglicher Herkunft und Größe. Generationen von Naturforschern haben sie gesammelt. Den Journalisten ging es am 14. und 15. Oktober allerdings nicht nur um die Vielfalt, die vier DNS-Basen hervorgebracht haben. Beim Journalistenworkshop von acatech in Kooperation mit der Initiative Wissenschaftsjournalismus und dem Senckenbergmuseum ging es vor allem um die Frage, wie die Synthetische Biologie das Nebeneinander von Chemie, Bio- und Ingenieurwissenschaften durcheinanderrüttelt – und ob sie eine neue Debatte aufwirft, was „Leben“ ist.
Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften brachte dazu wieder in Kooperation mit einem Museum, diesmal dem Frankfurter Senckenbergmuseum, und der Initiative Wissenschaftsjournalismus als Partner 16 Journalisten und fünf Experten für einen Workshop mit dichtem Programm zusammen.
Ziel war es, das neue und schillernde Feld der Synthetischen Biologie aus unterschiedlicher Perspektive zu beleuchten. Als Trainer für eine journalistische Auseinandersetzung mit dem Thema konnte wie schon im Vorjahr wieder Wolfgang Goede, Redakteur beim Wissenschafsmagazin P.M., gewonnen werden. Im Wechsel mit den Beiträgen der Experten entwickelte er gemeinsam mit den Journalisten Konzepte für berichtende, visionäre und kritisch abwägende Beiträge sowie für Reportagen zur Synthetischen Biologie.
Volker Mosbrugger, Direktor des Forschungsinstituts und des Naturmuseums, begrüßte die Gäste ganz zu Beginn des Journalistenworkshops persönlich. Er hob ganz besonders die Verbindung von Museum und Akademien hervor – ein Museum, das die Vielfalt des Lebens einem breiten Publikum zugänglich macht und Akademien, die eine neue Biowissenschaft der Zukunft früh für in die politische und öffentliche Diskussion bringen. Die Gefahr, dass sich künstliche Organismen unkontrolliert ausbreiten, sieht der Museumsdirektor übrigens nicht: Die Kräfte der Evolution – die in den Exponaten des Museums sichtbar werden – würden den Siegeszug der außerhalb des Labors nicht lebensfähigen Organismen unterbinden.
Bernd Müller-Röber, der an der Universität Potsdam forscht und als Mitglied der Akademie maßgeblich an der Stellungnahme Synthetische Biologie von acatech, DFG und Leopoldina mitgewirkt hat, führte die Journalisten in die Synthetische Biologie ein: Im Gegensatz zur – nun schon ‚klassischen’ – Gentechnik werden in der Synthetischen Biologie nicht bloß Genbausteine ausgetauscht und so Eigenschaften von Lebewesen verändert. Synthetische Biologie heißt nach seinen Worten, gänzlich neue Genome zu konstruieren und neue genetische Codes zu schaffen.
Nediljko Budisa, der gerade erst aus München an die Technische Universität Berlin gewechselt ist, gab einen Einblick in seine Forschung: Das Code Engineering entwickelt Methoden, den genetischen Kode zu erweitern, um den Einbau unnatürlicher Aminosäuren in Eiweißstoffe zu ermöglichen. Er setzte sich auch mit den Risiken auseinander: Die Besorgnis, dass unvorhersehbare und nicht steuerbare Prozesse durch das Code-Engineering in Gang kommen, hält er berechtigt. Es sei auch möglich, dass neue Lebewesen mit neuen, auch gefährlichen Eigenschaften entworfen werden. „Die Verbreitung solcher Mikroorganismen außerhalb der Labors ist jedoch höchst unwahrscheinlich, da sie auf spezielle Nährmedien (unnatürliche Aminosäuren) angewiesen sind und deshalb in der Natur nicht lebensfähig sind“.
Peter Dabrock ist Theologe an der Universität Marburg und setzt sich intensiv mit den ethischen und theologischen Konsequenzen auseinander, wenn die Bausteine des Lebens zu Bauteilen der Gen-Ingenieure werden. Schafft der Mensch in der Synthetischen Biologie Leben? Nicht im christlichen Sinne, meinte Peter Dabrock beim abendlichen Kamingespräch, da die Synthetische Biologie keine Schöpfung aus dem Nichts zustande bringt. Gleichwohl müsse die Synthetische Biologie durch Geisteswissenschaftler in ihrer Entstehung intensiv reflektiert und begleitet werden – auch wenn scheinbar der Begleitforschung mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden könnte als der Forschung selbst.
Holger Hettwer von der Initiative Wissenschaftsjournalismus, die von Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, Robert Bosch Stiftung und der BASF SE getragen wird, gab den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in seinem Beitrag Anregungen für eine kritische Auseinandersetzung mit der Synthetischen Biologie und stellte dazu auch neue Recherchemethoden vor, die in Deutschland bislang noch kaum verbreitet sind.
Joachim Eck von der BRAIN brachte die Perspektive der Anwendung ein. Im Gespräch nach dem Workshop bemerkten mehrere Journalisten, dass ihnen nicht bewusst gewesen sei, in wie großem Maßstab bereits klassische chemische Produktionswege von Materialien bereits mit Hilfe von genetisch modifizierten Organismen ersetzt werden. Beispielsweise wird Propandiol, das tonnenweise als Enteisungsmittel eingesetzt wird, längst nicht mehr ausschließlich aus Erdöl synthetisiert: Spezielle Organismen verarbeiten dazu Glycerin – das wiederum als Abfall bei der Biospritproduktion entsteht.
Die Synthetische Biologie ist längst nicht mehr bloß Thema der Fachzeitschriften und der Wissenschaftsseiten. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird sie spätestens seit den Meldungen über die Synthetisierung des ersten Bakteriengenoms durch Craig Venter auch im Feuilleton verhandelt. Deshalb erklärte Joachim Müller-Jung, bei der FAZ verantwortlich für Wissenschaftsthemen, warum er alles andere als unglücklich darüber ist, wenn Themen wie die Synthetische Biologie von den Wissenschaftsseiten in das Feuilleton wandern. Als Biologe selber ‚vom Fach’ forderte er von den Journalisten, mehr aus der Spezialistenecke hervorzukommen. In der FAZ schreiben nach seinen Worten die Wissenschaftsexperten auch für andere Ressorts, etwa Politik und Feuilleton.