acatech am Dienstag zeichnet Kurzfilme von TUM-Studierenden zu Exponaten des Deutschen Museums aus
München, 17. Juli 2026
Therapieroboter, Zwitscherautomat oder Herzschrittmacher – über 100.000 Objekte im Deutschen Museum verbinden Technik und Gesellschaft. Wie präsentiert man solche Exponate didaktisch sinnvoll, und welcher Kontext ist dabei zu beachten? Diesen Fragen widmeten sich Studierende der TU München im Rahmen eines Seminars im laufenden Sommersemester. Ihre Aufgabe: wissenschaftliche Ausstellungsstücke des Deutschen Museums in Kurzvideos vorzustellen und an ihrem Beispiel die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft und Technik zu beleuchten. Bei „acatech am Dienstag“ präsentierten die Jungfilmer ihre mit dem Handy gefilmten Werke. Eine Jury bewertete die Arbeiten und kürte das beste Video.
Die Themen der Kurzfilme reichten vom berühmten Foucault’schen Pendel über einen historischen Musikautomaten, moderne Medizintechnik, einen humanoiden Gitarrenroboter bis zu einem Therapieroboter – ein Querschnitt durch die Sammlungen des Deutschen Museums und aktuelle Technikfragen. Eine fünfköpfige Jury diskutierte lebhaft die Einreichungen. Am Ende gewann der Film über einen Klassiker, der im Museum hoch oben im Turm hängt: das Foucault’sche Pendel.
Das Pendel, das die Erddrehung sichtbar macht

Der Siegerfilm von Nick Götte richtet sich an ein junges Publikum und erklärt die Idee des Foucault’schen Pendels anschaulich, ohne abstrakte Formeln. Das im Turm des Deutschen Museums installierte Pendel besteht aus einer 30 Kilogramm schweren Bleikugel, die an einem 60 Meter langen Drahtseil hin und her schwingt. Im Verlauf eines Museumstages (9 bis 17 Uhr) wechselt das Pendel seine Schwingungsebene – scheinbar, denn tatsächlich dreht sich die Erde unter ihm weg, wie Nick Götte in seinem Kurzfilm erläutert. Am meisten zu kämpfen während des Videodrehs hatte Götte mit dem Ton, wie er bei seiner Präsentation zugab – eine Erfahrung, die auch die anderen Filmemacher teilten: Gute Bilder sind nur die halbe Miete, wenn das Gesagte nicht klar ankommt.
Eine Robbe als Therapieroboter

Roman Gatuzov wählte als Thema seines Kurzfilms Paro, eine junge Sattelrobbe als Therapie- und Haustierroboter. Paro wurde in Japan entwickelt und gilt als erster in Serie produzierter Therapieroboter. Ausgestattet mit Sensoren für Berührung, Licht, Temperatur und Lage reagiert die Robbe auf ihre Umgebung und soll durch emotionale Interaktion beruhigen und soziale Kontakte unterstützen. Der Roboter kommt besonders bei der Betreuung von Menschen mit Demenz oder anderen neurologischen Erkrankungen zum Einsatz.
Miniaturisierung, die Medizin möglich macht

Asina Sultanbai entschied sich für ein Thema aus der Medizin: In der Ausstellung „Gesundheit“ des Deutschen Museums ließ sie sich von der Miniaturisierung in der Medizintechnik inspirieren, die Innovationen wie Herzschrittmacher ermöglicht. Ihr filmischer Kniff war ebenso pragmatisch wie zeitdiagnostisch: Sie drehte alles in einem Take und sprach bewusst schnell, da sie selbst wenig Geduld mit Videos hat, in denen der Sprecher zu langsam spricht. In der Postproduktion erhöhte sie die Sprechgeschwindigkeit zusätzlich. So passte das Tempo ihres Kurzfilms zu dem, was viele von Social Media gewohnt sind – ohne allerdings den Inhalt zu banalisieren.
„Fingers“ und die Frage, was Automatisierung mit Kultur macht

Bereits vor dem Seminar war Johannes Riemenschneider fasziniert von „Fingers“: dem humanoiden Gitarrenroboter und Mitglied der aus Schrottteilen gebauten Heavy-Metal-Band Compressorhead. Zwei Hände, 78 pneumatisch angetriebene Finger, dazu ein separater Zupffinger für jede der sechs Gitarrensaiten. Sein Film folgt zwei Leitfragen: Wie baut man einen Gitarrenroboter? Und: Was bedeutet es gesellschaftlich, wenn eine Maschine Gitarre spielen kann? „Fingers“ polarisiert – zwischen Konzertbegeisterung und dem Vorwurf, er sei eine Perversion der Automatisierung. Nach weltweiten Tourneen hat der Roboter heute einen festen Platz in der Robotik-Ausstellung des Deutschen Museums gefunden und spielt zu besonderen Anlässen.
Natur im Technikmuseum? Der Zwitscherautomat

Fiene Köppchen suchte „Natur im Technikmuseum“ und fand sie in der Ausstellung Musikinstrumente: im Zwitscherautomaten, einem Meisterwerk der Mechanik aus dem 19. Jahrhundert. Der Automat zeigt eine lebensechte Szene mit Vögeln, Schmetterlingen und Wasserfall. Berühmt ist er für naturgetreuen Gesang und aufwendige Bewegungen: Vögel drehen Köpfe, ziehen an Würmern, trinken aus einer Quelle. Fiene Köppchens Zielpublikum sind Kinder ab 13 Jahren. In ihrem Kurzvideo erklärt Fiene Köppchen den Mechanismus der Klangerzeugung, der durch händisches Aufziehen in Gang gesetzt wird. Zudem zeigt sie Ausschnitte einer Live-Vorführung im Deutschen Museum.
Klangerzeugung mit modularen Synthesizern

Clemens Hagemann widmet seinen Film den grundlegenden Prinzipien modularer Synthesizer und den vielfältigen Möglichkeiten, mit ihnen Klänge zu erzeugen. Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel einzelner Module, die durch das sogenannte Patchen mithilfe von Kabeln miteinander verbunden werden. Schritt für Schritt erklärt der Film, wie ein spannungsgesteuerter Oszillator (VCO) Schwingungen erzeugt, wie Frequenz und Steuerspannung die Tonhöhe beeinflussen und welche Aufgabe Verstärker und Mixer bei der Klanggestaltung übernehmen. Clemens Hagemann konzipierte seinen Film weniger als Social-Media-Clip, denn als Erklärvideo für Besucherinnen und Besucher, die die Funktionsweise modularer Synthesizer besser verstehen möchten. Anlass war eine Beobachtung im Museum: Menschen mühten sich ab, eine Schülergruppe beklagte die Komplexität des Geräts.
Relevanz, Didaktik, Umsetzung
Über die Vergabe des Preises entschied eine fünfköpfige Jury bei „acatech am Dientag“. Jurymitglieder waren Michael Decker (TUM, Deutsches Museum und acatech Mitglied), Sabine Pelgjer (Deutsches Museum), Monika Landgraf (Fraunhofer-Gesellschaft) sowie Marina Stiefenhofer und Marc-Denis Weitze (beide acatech Geschäftsstelle). Bewertet wurden die Kurzfilme nach Auswahl und Relevanz des Themas, didaktischer Vermittlung und technischer wie medialer Umsetzung. Als besten Kurzfilm prämierte die Jury nach lebhafter Diskussion den Beitrag von Nick Götte über das Foucault’schen Pendel.

Juror Michael Decker überreichte dem Gewinner eine eigens angefertigte Tasche des Deutschen Museums sowie ein Buch zu Geschichte, Ausstellungen und Meisterwerken des Deutschen Museums. Mit einem Augenzwinkern merkte er an, dass sich darin selbstverständlich auch das Foucault’sche Pendel finde – jenes Exponat, das Nick Götte mit seinem Siegerfilm einem jungen Publikum nähergebracht hatte.


