Wie wir mit Krisen und Risiken umgehen können
München, 17. Februar 2026
Klimawandel, Finanzschocks, Energiekrise, Pandemien oder geopolitische Konflikte: In einer hypervernetzten Welt treten Krisen selten isoliert auf. Sie verstärken sich gegenseitig und lösen Kettenreaktionen aus, die selbst Systemgrenzen überschreiten. Wie wir diese „Polykrisen“ verstehen und ihnen begegnen können, diskutierte der Techniksoziologe und acatech Präsidiumsmitglied Ortwin Renn am 11. Februar 2026 in einer acatech Masterclass.
Ob eine Pandemie globale Lieferketten sprengt oder ein lokaler Konflikt die weltweite Energieversorgung ins Wanken bringt: Wir leben im Zeitalter der Interdependenz. Das Ziel der Masterclass mit Ortwin Renn, acatech Präsidiumsmitglied und renommierter Risikoforscher, war es, den theoretischen Unterbau dieser neuen Realität verständlich zu machen und Wege in die Praxis aufzuzeigen. Die Veranstaltung richtete sich an fortgeschrittene Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Kommunikationsprofis.
Vom Einzelrisiko zur Polykrise
Zum Einstieg ordnete Ortwin Renn die zentralen Begriffe ein, die die aktuelle Debatte prägen. Während das klassische Risikomanagement oft isolierte Gefahren betrachtet, beschreibt die Polykrise einen Zustand, in dem sich verschiedene, scheinbar unabhängige Krisenherde kausal so verschränken, dass der Gesamtschaden weit über die bloße Summe der einzelnen Brandherde hinausgeht. Statt sich nur zu addieren, entwickeln die vernetzten Schocks eine ungleich höhere Durchschlagskraft.
Doch das Bild bleibt unvollständig ohne einen zweiten zentralen Begriff: das systemische Risiko. Den Unterschied zur Polykrise bringt eine einfache Formel auf den Punkt: Das systemische Risiko fürchtet den Kollaps im System, die Polykrise beschreibt den Dammbruch zwischen den Systemen. Während beim ersten die interne Stabilität (etwa des Finanzmarkts oder Stromnetzes) auf dem Spiel steht, fallen in der Polykrise die Grenzen, sodass Schocks ungehindert von einem Sektor in den nächsten durchschlagen.
Eine Kernbotschaft des Workshops lautete: „Das Risiko geht der Krise zeitlich voraus.“ Wer erst handelt, wenn die Krise da ist, hat die Chance zur präventiven Gestaltung verpasst. Doch die Bewertung solcher systemischen Risiken verlangt nach neuen Methoden. Denn in komplexen Systemen versagt unsere Intuition: Ursache und Wirkung liegen zeitlich oder räumlich oft weit auseinander, was dazu führt, dass Zusammenhänge zunächst unplausibel oder „weit hergeholt“ wirken, bis sie plötzlich mit voller Wucht als Kaskadeneffekt eintreten.
Zielkonflikte aushalten, Kommunikation gestalten
In der Diskussion um Steuerungsstrategien räumte Renn mit der Illusion einfacher Lösungen auf. Bei der Bewältigung von Polykrisen gibt es fast nie die perfekte „Win-Win-Situation“, in der sich alle Ziele gleichzeitig und ohne Abstriche erreichen lassen. Politik und Gesellschaft müssen lernen, unvermeidbare Zielkonflikte (Trade-offs) auszuhalten und transparent abzuwägen.
Wie das gelingen kann, erarbeiteten die Teilnehmenden anhand konkreter Fallbeispiele wie Pandemien oder Hochwasserkatastrophen. Ein zentrales Ergebnis: Resilienz entsteht dort, wo Kommunikation nicht nur „informiert“, sondern echte Beteiligung ermöglicht. Die Einbindung von Stakeholdern und der betroffenen Bevölkerung ist kein „Nice-to-have“, sondern essenziell, um ethisch vertretbare Kompromisse zu finden, die auch mitgetragen werden.
Dabei wies Renn auch auf kulturelle Unterschiede hin: Während manche Gesellschaften in der Krise primär auf Systemvertrauen setzen, betonen andere die individuelle Verantwortung. Kritisch reflektierten die Teilnehmenden zudem das Verhalten von Akteuren in Krisensituationen, das sich oft in einem Spannungsfeld zwischen Ignoranz gegenüber Warnsignalen und einer fatalen Selbstüberschätzung bewegt.
Weiterführende Informationen
Grundlage der Masterclass war die Publikation: „Polycrisis and Systemic Risk: Assessment, Governance, and Communication“, open access veröffentlicht im International Journal of Disaster Risk Science.


