Mensch und Gesellschaft in der digitalen Transformation: acatech IMPULS entwirft Gestaltungsprinzipien
Tutzing / München, 29. April 2026
Der digitale Wandel ist kein Naturereignis, er muss gesellschaftlich gestaltet werden. Der acatech IMPULS „Mensch und Gesellschaft in der digitalen Transformation“ entwickelt dafür Leitgedanken. Die Autorengruppe stellt heute auf der Tagung „HOMO DIGITALIS “ in Tutzing ihre Vision einer digitalen Zukunft vor, die technologische Souveränität mit dem Gemeinwohl vereint.
Europa steht inmitten globaler Machtverschiebungen vor der Herausforderung, einseitige technologische Abhängigkeiten abzubauen. Doch es geht dem Impulspapier zufolge um mehr als reine Souveränität gegenüber Tech-Monopolen: Die Autorengruppe fordert eine fundamentale Abkehr von der Anpassung an einen vermeintlich feststehenden technologischen Wandel. „Mit derartig deterministischen Annahmen vergeben sich Politik und andere Bereiche der Gesellschaft weitreichendere Optionen für eine gemeinwohlorientierte Gestaltung“, schreibt die Autorengruppe. „Eine gemeinwohlorientierte Gestaltung der Digitalisierung setzt deren Ziele in Beziehung zu anerkannten Werten wie Menschenrechten, Demokratie, Gerechtigkeit (bei Verteilung und Zugang) oder Nachhaltigkeit.“ Das Autorenteam liefert einen Gegenentwurf: eine digitale Transformation, die sich an den Interessen der Gesellschaft ausrichtet, statt ausschließlich an kommerzieller Logik.
Analytisches Raster für gesellschaftspolitische Entscheidungen
Um diese Vision in die Praxis zu übersetzen, definiert der acatech IMPULS fünf Gestaltungsprinzipien: Gestaltungsanspruch, Evidenzbasierung, Autonomie, Machtbalance und Gemeinwohl. Anhand ausgewählter Anwendungsfelder formulieren die Autoren konkrete Verbesserungsvorschläge: Um die demokratische Öffentlichkeit vor der Übermacht globaler Plattformen zu schützen, schlagen die Verfasserinnen und Verfasser beispielsweise die Förderung offener, europäischer Kommunikationsräume (Public Open Spaces) vor. Für das Gesundheitswesen mahnen sie den Aufbau diverser und qualitativ hochwertiger Datensätze an, um diskriminierungsfreie KI-Diagnostik sicherzustellen. Mit Blick auf Justiz und Verwaltung warnen sie vor dem unreflektierten Einkauf marktverfügbarer Algorithmen und fordern den Staat auf, seine Position als strategischer Ankerkunde bei der IT-Beschaffung für höchste Datenschutz- und Souveränitätsstandards zu nutzen.

Christoph Neuberger, Projektleiter der Publikation, betont den Handlungsdruck: „Die Digitalisierung ist kein Naturereignis, dem wir uns machtlos anpassen müssen. Solange wenige Plattformen die Regeln unserer Öffentlichkeit diktieren, ist unsere Demokratie verwundbar. Wir müssen die Technikentwicklung aktiv nach unseren Werten gestalten, statt immer nur auf Fehlentwicklungen zu reagieren.“
Der IMPULS „Mensch und Gesellschaft in der digitalen Transformation” bietet eine Basis für die Diskussion der Fachtagung „HOMO DIGITALIS“ am 29. und 30. April. Auf der gemeinsamen Veranstaltung von acatech und der Akademie für Politische Bildung Tutzing diskutieren Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik mit Fachleuten und interessierter Öffentlichkeit, wie sich diese Erkenntnisse in die Technologieentwicklung und regulatorische Praxis übersetzen lassen. Das Programm umfasst Impulse und Diskussionsrunden der Teilnehmenden, darunter der bayerische Digitalminister Dr. Fabian Mehring sowie führende Köpfe von Google, IBM und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Von Technik- bis Sozialwissenschaften: breite Expertise als Fundament
Dieser acatech IMPULS ist aus dem Arbeitskreis Technik und Gesellschaft heraus entstanden und wurde von einem interdisziplinären Autorenteam erarbeitet, um der Vielschichtigkeit der Herausforderung gerecht zu werden: Mitgewirkt haben der Sozialwissenschaftler Christoph Neuberger (Weizenbaum-Institut), die Juristin Indra Spiecker gen. Döhmann, der Theologe und Ethiker Peter Dabrock, der Experte für Technikfolgenabschätzung Armin Grunwald, der Kommunikationswissenschaftler Mike S. Schäfer, die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann, die Mathematikerin Andrea Martin (IBM) sowie der ehemalige acatech Präsident Jan Wörner und acatech-Projektkoordinator Martin Bimmer.
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Zum IMPLUS „Mensch und Gesellschaft in der digitalen Transformation“
Analytisches Raster aus fünf Schlüsselkonzepten:
- Gestaltungsanspruch: Technikentwicklung aktiv nach gesellschaftlichen Werten steuern
- Evidenzbasierung: Politische Entscheidungen auf Fakten statt auf Hypes gründen
- Autonomie: Digitale Selbstbestimmung technisch und regulatorisch absichern
- Machtbalance: Monopolstellungen im digitalen Raum begrenzen
- Gemeinwohl: Gesellschaftlichen Nutzen als primäres Ziel definieren
Anwendung auf vier gesellschaftliche Systeme:
- Öffentlichkeit
- Justiz und Verwaltung
- Gesundheit
- Wirtschaft



