Senatsveranstaltung 2026: Was führt den Innovationsstandort in die Zukunft?
München, 19. Juni 2026
Innovation, Resilienz und Souveränität: Unter diesen drei Schlagworten stand die acatech Senatsveranstaltung am 19. Juni 2026. Auf Einladung von acatech Präsident und Senatsvorsitzendem Siegfried Russwurm und acatech Präsidentin Claudia Eckert diskutieren führende Köpfe aus Wirtschaft, Industrie und Verbänden, welche Stärken den Innovationsstandort in die Zukunft führen können – und warum es dafür einen engen Schulterschluss aus Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik braucht.
Senatssitzung: acatech heißt drei neue Senatoren willkommen
Claudia Eckert und Siegfried Russwurm eröffneten die Senatssitzung mit Einblicken in aktuelle Projekte und Entwicklungen der Akademie. Sie illustrierten anhand von Projekt-Meilensteinen die Breite der Technologiefelder, auf denen acatech die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft vertieft. Dazu zählen der Strategiekreis für Technologie und Innovation des Bundeskanzlers, die Forschungs- und Innovationsroadmap Fusionsenergie (FIRE), aber auch das Engagement in der Initiative ESYS – Energiesysteme der Zukunft.

acatech Präsidentin Claudia Eckert gab einen Ausblick auf die Ergebnisse des TechnikRadar 2026 und die acatech HORIZONTE Kernfusion. Das TechnikRadar erhebt repräsentativ Einstellungen der Deutschen gegenüber dem technologischen Wandel – kommende Woche erscheint die neue Ausgabe und vertieft Sicherheitsfragen.
Der Senat wählte drei neue Senatsmitglieder in seine Reihen, die ihre Expertise künftig in den acatech Senat einbringen.
- Yilmaz Alan (EY)
- Gerhard Nowak (IFP Counsulting)
- Emmerich Schiller (Renk)
Neben den vier neuen Senatsunternehmen und ihren Senatoren wurden auch die Mandatsnachfolger bestehender Senatsunternehmen bestätigt.
Übersicht zu den Mandatsnachfolgerinnen und -nachfolgern
- Heike Freund, Bundesverband Deutsche Startups
- Martin Keller, Helmholtz-Gemeinschaft
- Stefano Innocenzi, Linde AG
- Jörg Burzer, Mercedes-Benz AG
Ministerpräsident Markus Söder: Man muss das Morgen wollen
Ministerpräsident Markus Söder bedankte sich in seiner Eröffnungsrede für die Initialzündung durch acatech, Politik und Gesellschaft auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und unternehmerischer Forschung zu beraten. Die Welt habe sich dramatisch verändert, sagte er mit Blick auf die schnell aufeinanderfolgenden Krisen und Konflikte, angesichts der technologische Stärke von China, aber auch völlig veränderter Produkte und Gewohnheiten.

An den Kreis der Senatorinnen und Senatoren gerichtet äußerte er seinen Wunsch, gemeinsam den Weg der Innovation zu gehen. Deutschland brauche mehr Offenheit für neue Ideen. Der Freistaat sei open-minded für Forschung und Innovationen.
acatech Präsident Siegfried Russwurm bedankte sich für die große Unterstützung des Freistaats. Bezogen auf die Offenheit für Forschung und Innovation bekräftigte er, es gelte aus der Vergangenheit zu lernen, aber nicht in ihr zu verharren. Nur so könne Deutschland Innovationsland bleiben.
Milan Nedeljković: Das Momentum technologischer Innovationen nutzen
Milan Nedeljković (Vorsitzender des Vorstands der BMW AG) unterstrich die Bedeutung von acatech: Als Brückenkopf zwischen Wissenschaft und Wirtschaft bilde acatech einen Katalysator für die Entwicklung des Innovationslandes Deutschland.

Das Geschäftsmodell Deutschlands und Europas stehe durch externe Faktoren wie Zölle und Überkapazitäten in anderen Regionen unter Druck. Technologische, militärische und auch Rohstoff-Abhängigkeiten bringen neue Risiken. Es gelte, Resilienz durch Innovation und Flexibilität in der Industrie aufzubauen.
Dazu gab er Einblicke in den Einsatz von KI in den neuen Produktionsanlagen seines Unternehmens. Er unterschied dabei vier Phasen für den Einsatz von KI in der Industrie: Den Anfangspunkt setze die Automatisierung operativer und repetitiver Routinen. In einer zweiten Phase werde die Regelung und Steuerung zur Analyse beschleunigt, bevor die Planung und Optimierung durch KI unterstützt werden. Schließlich werden sich industrielle agentische KI-Systeme durch autonomes Entscheiden an neue Aufgaben anpassen. Die Anwendung von KI in Europa sei stärker ausgeprägt als in den USA. Es fehlten aber eigene Large Language Models (LLMs) und Rechenkapazitäten auf Augenhöhe.
Mobilität und Automotive: beschleunigte Innovationszyklen in der Mehrfach-Transformation
Markus Heyn (Geschäftsführer Robert Bosch GmbH) ging der Frage nach, wie aus Erfindung Wirkung wird. Innovation beschleunige sich, gleichzeitig bieten Produkte immer mehr Funktionen bei massiv sinkenden Kosten. Die Entwicklungszeit neuer Produkte habe sich halbiert, die Innovationsgeschwindigkeit hingegen verdoppelt. Tempo entscheide über den Markterfolg – und dazu brauche es ein funktionierendes Ökosystem. Mit Blick auf die Chancen Deutschlands in der industriellen Anwendung Künstlicher Intelligenz stellte er Vorteile der hiesigen Industrie heraus. Sie verfüge über einen einzigartigen Schatz industrieller Daten. Die besten Large Language Models werden niemals in die Nähe von KI-Modellen kommen, die auf Daten aus der physischen, industriellen Welt zurückgreifen können, so Markus Heyn.

Jochen Weyrauch (Vorstandsvorsitzender, Dürr Group) lenkte den Fokus auf die Mehrfach-Tranformation der Automobilindustrie: Neben der Elektrifizierung der Antriebe werde Software und Automatisierung essenziell sowie eine effiziente, ressourcenschonende und automatisierte Produktion. Der Standort Deutschland kämpfe mit zwei Kostentreibern: Energie- und Materialkosten und Arbeitskosten. Am Beispiel von Lackierrobotern veranschaulichte er die Möglichkeiten, Energiekosten zu senken. Diese sind für 40 Prozent des Energiebedarfs in der Automobilproduktion verantwortlich. Neue Lackieranlagen hingegen verbrauchen zwei Drittel weniger Energie im Vergleich zu Anlagen vor 15 Jahren.

Digitalisierung: Wertschöpfung sichern, Souveränität bewahren
acatech Präsidentin Claudia Eckert führte in die Senatsdebatte rund um Fragen der Digitalisierung ein, die Perspektiven mittelständischer und großer Industrieunternehmen zusammenbrachte.

Anna-Katharina Wittenstein (Gesellschafterin und Mitglied des Aufsichtsrats der WITTENSTEIN SE) eröffnete mit Erfahrungen und Perspektiven der Wittenstein SE und des industriellen Mittelstands generell. Wittenstein bewege mit seinen Getrieben, Aktuatoren und Motoren nahezu alles: von der Tiefsee bis in den Weltraum. Heute entwickelt Wittenstein über Mechatronik hinaus Smarte Produkte mit Eigenintelligenz (KI) und Vernetzungsfähigkeit, kurz: Cybertronic. Der Mittelstand müsse KI und Digitalisierung in die eigene Produktstrategie einarbeiten, dafür in die Kompetenzen der Mitarbeitenden investieren und kooperieren. Eigenintelligenz und Konnektivität seien die zentralen neuen Eigenschaften smarter, cybertronischer Produkte. Mit solchen Produkten verlassen industrielle Mittelständler ihren eigenen Heimatbereich – neue Fragen technologischer und digitaler Souveränität stellen sich.
Peter Körte nahm diese Fragen auf. Er sprach als CTO und Chief Strategy Officer der Siemens AG. Erst industrielle KI ermögliche es, die Massen an Daten auszuwerten und zu nutzen, die Milliarden Geräte und Maschinen erheben und bereitstellen. Er veranschaulichte Anwendungen am Beispiel von Engineering Agents: Die Einrichtung industrieller Automatisierung über die sogenannte PLC-Steuerung gleiche Aufgaben aus der Software-Programmierung – und lasse sich über KI-Agenten massiv beschleunigen. Ein weiteres, aktuelles Beispiel folgte aus dem Fußballstadion: Digitale Zwillinge machen Abfüllanlagen in Echtzeit steuerbar. Softdrinks lassen sich so unmittelbar nach WM-Spielen in den Farben des Siegers einfärben. Die physische Anwendung von KI (Physical AI) ermögliche weitreichende Anwendungen in Industrie, aber auch in intelligenten Infrastrukturen. Europa habe dafür eine einzigartige industrielle Basis. Den dort versteckten Datenschatz zu heben: Dafür brauche es die Kooperation aller industriellen Akteure – und Vereinfachungen in der europäischen Regulierung.

Nicolaus Hagl (CEO, Delos Cloud GmbH, Head of Sovereign Cloud Germany, SAP) eröffnete mit einer Reflexion zur näheren Bedeutung von Souveränität. Sie dürfe nicht als Abschottung verstanden werden, also etwa als ausschließliche Nutzung von europäischen Lösungen oder Open Source. Jede Möglichkeit, auch Open Source, sollte genutzt werden. Es müsse generell darum gehen, den eigenen Datenschatz zu kontrollieren, aber die besten Lösungen zu nutzen. Mit Blick auf die Digitalisierung öffentlicher Verwaltung nannte er die Entwicklung der Deutschland-App. Für einen souveränen Aufbruch müsse auch die Anpassungsgeschwindigkeit der Regulatorik angeglichen werden. Souveränität gelinge in gemeinsamer Gestaltung und mit wirtschaftlich starken Lösungen, schloss er seinen Beitrag.
Energie: resilient, wettbewerbsfähig und nachhaltig
acatech Präsident Siegfried Russwurm wies zu Beginn der Debatte über Energiefragen auf die Arbeiten der von acatech koordinierten Initiative ESYS (Energiesysteme der Zukunft) hin, bevor er an die erste Panelistin übergab.
Marie Jaroni (CEO der thyssenkrupp Steel Europe AG) machte die hohe Bedeutung der Energiekosten für ihr Unternehmen deutlich: thyssenkrupp Steel Europe verbrauche rund vier Terawattstunden Energie jährlich. In einer grünen Stahlproduktion mittels Wasserstoff und Strom werde sich der Energiebedarf auf sechs Terawattstunden erhöhen, gleichzeitig sinke bei erneuerbarer Stahlproduktion der Eigenanteil im eigenen Prozess zurückgewonnener Energie. Der Kostenanteil von Energie an der Stahlproduktion werde von zehn auf 50 Prozent steigen. Energieintensive Industrien seien auf verlässliche, resiliente und wettbewerbsfähige Energie angewiesen, ansonsten werde es schwierig, sie in Deutschland zu erhalten.

Victoria Ossadnik (COO der E.ON SE) zeigte die Veränderungen in der Energieerzeugung auf: Sie habe sich von einer vorhersagbaren, zentralen zu einer volatilen, dezentralen gewandelt. Gleichzeitig habe sich das Nachfragespektrum geändert. Wichtig sei es, Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien dort zu bauen, wo der Strom auch wirklich benötigt werde und Netze optimal zu nutzen. Der KI-Boom sorge für eine höhere Investitionsbereitschaft auch in die Energieversorgung, wenn es um den Anschluss von Rechenzentren geht – hier sei eher eine regelrechte Industrialisierung zu beobachten.

Anke Weidlich (Institut für Nachhaltige Technische Systeme – INATECH) fokussierte auf die Systemintegration erneuerbarer Energien – hier müssten Anreize und auch Informationen folgen, die Erzeugung und Verbrauch in Einklang bringen. Viel Dynamik wegen hoher Nachfrage und zu erwartenden technologischen Innovationen versprechen nach ihren Worten Batteriespeicher und die fortschreitende Elektrifizierung der Mobilität, Industrie und Wärmeversorgung.

Karen Pittel (Leiterin, ifo Zentrum für Energie, Klima und Ressourcen) formulierte ein Plädoyer für stabile politische und volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen. Stabilität und Planungssicherheit, insbesondere für langfristig planende, energieintensive Industrien, gehe über Perfektion. Schlüssige, langfristig stabile Rahmenbedingungen geben die Planungssicherheit für langfristige Standortentscheidungen. Die Rahmenbedingungen für die Energiewende müssten im Kontext anderer volkswirtschaftlicher Entwicklungen betrachtet werden und nicht losgelöst von ihnen.




