TechTalk 28/4: Vernetzte Mobilität – eine Chance für die Region?
München, 25. September 2026
Kann vernetzter Verkehr die Städte entlasten und den ländlichen Raum besser anbinden? Fuß-, Rad-, Straßen-, Schienen- und Luftverkehr intelligent zu erfassen und zu verknüpfen, ist ein wichtiger Baustein für eine effizientere Mobilität und kann zur Verkehrswende beitragen. Dafür müssen digitale Informationssysteme, stadtplanerische Maßnahmen und attraktive, flexible Mobilitätsangebote eng ineinandergreifen. Im TechTalk von acatech und der Münchner Volkshochschule ging es um Voraussetzungen einer zukunftsfähigen Mobilitätsentwicklung.
Mobilität ganzheitlich denken
Vernetzte Mobilität muss in die Stadt- und Regionalentwicklung eingebettet sein, in deren Mittelpunkt Lebensqualität, Daseinsvorsorge, Klimaschutz und Klimaanpassung, Gesundheitsschutz sowie ein sparsamer Umgang mit Fläche stehen, betonte acatech Mitglied Klaus J. Beckmann in seinem Impulsvortrag. Mobilität soll für alle verlässlich, zugänglich und bezahlbar sein. Dafür brauche es einen integrierten Blick auf Verkehr, Energie, Umwelt, Raumstruktur und Siedlungsentwicklung. Entscheidend sei, von den Wirkungen her zu planen: Wie lassen sich Wege vermeiden oder verkürzen? Wie können Stadt- und Raumqualitäten verbessert und Teilhabe ermöglicht werden?
Innovation allein reicht nicht
Digitalisierung, Automatisierung, elektrische Antriebe, Sharing und neue Mobilitätsdienste eröffnen wichtige Chancen. Solche technischen Ansätze können für Klaus J. Beckmann jedoch nur ein Teil der Lösung sein. Ebenso notwendig seien geeignete Organisations- und Beteiligungsprozesse sowie veränderte Verhaltensmuster. Zudem müssten Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft deutlich enger zusammenarbeiten.
Als Leitbild formulierte Klaus J. Beckmann den Übergang von der „Auto-Mobilität“ zu einer umfassenden und vernetzten „Gesamt-Mobilität“. Dafür müsse Verkehr verträglich abgewickelt, stärker auf den Umweltverbund verlagert und durch kürzere oder vermiedene Wege reduziert werden. Attraktive Alternativen seien ebenso wichtig wie der Mut, bestehende Mobilitätsroutinen und Pfadabhängigkeiten aufzubrechen. Voraussetzung dafür: kontinuierliche, kooperative Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und ausreichende Ressourcen. Der Mobilitätswandel sei kein Selbstzweck, sondern notwendig, um Lebensqualität in Quartieren, Städten und Regionen langfristig zu sichern.
Der zweite Impuls behandelte die Frage, wie Digitalisierung und neue Mobilitätsangebote zu einem Paradigmenwechsel beitragen können.
Der Mensch im Mittelpunkt
„Nachhaltige Mobilität“ mag für viele abgedroschen klingen. Umso wichtiger sei es, den Kern zu benennen: Im Mittelpunkt steht der Mensch, sagte Carl Friedrich Eckhardt (Corporate Strategy, BMW Group). Ziel müsse sein, Mobilität effizient zu organisieren und die Bedürfnisse der Menschen besser zu erfüllen. Anknüpfungspunkte finden sich auch im Grundgesetz – etwa in den Prinzipien von Freiheit, Gleichheit, Sozialstaatlichkeit und Umweltschutz. Maßnahmen für nachhaltigere Mobilität müssten verhältnismäßig sein und auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen: Wenn alle profitieren, unterstützen auch alle den Wandel.
Digitalisierung ermöglicht neue Lösungen
Vernetzung und Digitalisierung können die Mobilität deutlich einfacher und effizienter machen. Das Smartphone bündelt bereits heute Ticketkauf, Fahrpläne und Informationen. Künftig könnten digitale Systeme aber auch dazu beitragen, Verkehrsströme besser zu steuern und Staus zu vermeiden, prognostizierte Carl Friedrich Eckhardt. Verkehrsprobleme lassen sich jedoch nicht allein technisch lösen, notwendig sei ein Paradigmenwechsel: weg von einer rein angebotsorientierten Verkehrspolitik, hin zu einer nachfrageorientierten Verkehsgestaltung.
Umland anbinden und Lösungen gemeinsam entwickeln
In der von Marc-Denis Weitze (acatech Geschäftsstelle) moderierten Podiumsdiskussion stand zunächst die Anbindung des ländlichen Raums an die Städte im Mittelpunkt. Eine der Herausforderungen: die urbane Zentralisierung, wie beispielsweise die starke Ausrichtung Münchens auf den Marienplatz. Dieses strukturelle Problem teilen viele historisch gewachsene Städte. Das Publikum verarbeitete die Impulse zunächst untereinander in Murmelgruppen, bevor es mit den Referenten über Förderung, autonomes Fahren, Digitalisierung, Infrastruktur und die Anbindung des ländlichen Raums diskutierte.
Gezielt fördern, statt mit der Gießkanne
Eine Frage aus dem Publikum richtete den Blick auf die Rolle der öffentlichen Hand: Sollte sie sowohl das Auto als auch den öffentlichen Verkehr fördern – oder die verfügbaren Mittel stärker konzentrieren? Carl Friedrich Eckhardt sprach sich für eine gezielte Förderung aus, statt Unterstützung nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen. Klaus J. Beckmann ergänzte, dass die öffentliche Hand grundsätzlich eine wichtige fördernde Wirkung habe. Entscheidend sei, mit Förderpolitik konkrete Veränderungen anzustoßen und nicht lediglich bestehende Strukturen fortzuschreiben.
Autonomes Fahren: Lösung oder neue Nachfrage?
Zahlreiche Fragen betrafen das autonome Fahren. Kann es Verkehrsprobleme lösen oder macht es den Individualverkehr noch attraktiver? Die Diskussion betonte, dass nicht die technologische Machbarkeit allein entscheidend sei. Eine zentrale Rolle spielten vielmehr Skalenvorteile und Geschäftsmodelle. Die Frage sei also auch, unter welchen Bedingungen autonome Fahrzeuge wirtschaftlich betrieben und in ein vernetztes Verkehrssystem integriert werden können.
Carl Friedrich Eckhardt bezeichnete die Digitalisierung bis hin zum autonomen Fahren auf Level 4 als einen großen Hebel, um den Verkehr zu entlasten. Ein nahezu leerer Linienbus, der bis zur Endhaltestelle fährt, sei weder attraktiv noch dauerhaft finanzierbar. Wenn längere Wege gebündelt und Fahrten bedarfsgerechter organisiert würden, könnten digitale und automatisierte Angebote ihre Stärken ausspielen.
Vernetzte Mobilität braucht unterschiedliche Lösungen
Klaus J. Beckmann forderte, mehrere Handlungsstränge miteinander zu verbinden. Städte und Regionen müssten insbesondere ihr Umland besser einbeziehen und anbinden, um wachsende Unzufriedenheit zu vermeiden. Dafür gebe es keine einheitliche Lösung. Verdichtete Städte, kleinere Gemeinden und dünn besiedelte Regionen benötigten unterschiedliche, aufeinander abgestimmte Angebote.
Eine weitere Frage betraf die Neuverteilung des Straßenraums. Wenn Flächen zugunsten von Bus, Rad- und Fußverkehr oder Aufenthaltsqualität umgestaltet werden, müssen private Fahrzeuge weiterhin abgestellt werden können. Carl Friedrich Eckhardt verwies darauf, dass viele Parkhäuser und Tiefgaragen nicht vollständig ausgelastet seien und stärker genutzt werden könnten. Damit ließen sich Stellplätze bündeln und öffentliche Räume neu ordnen – vorausgesetzt, die vorhandenen Kapazitäten würden systematisch erfasst und sinnvoll eingebunden.
Unternehmen, Infrastruktur und Akzeptanz
Ein Blick auf die Unternehmensstrategie von BMW zeigte, dass es künftig darum gehe, gemeinsam mit Kommunen, Bürgerinnen und Bürgern sowie weiteren Akteuren Konzepte zu entwickeln, die für alle Beteiligten Vorteile bieten. Wandel könne dann gelingen, wenn er nicht nur mit abstrakten Nachhaltigkeitszielen, sondern mit konkreten Verbesserungen im Alltag verbunden werde.
Mehrfach betonten die Teilnehmenden die Bedeutung transparenter Entscheidungen und einer frühzeitigen Beteiligung der Bevölkerung. Am Beispiel des Dreimühlenviertels wurde deutlich, dass aus der Bürgerschaft zahlreiche tragfähige Ideen entstehen können, wenn die Menschen tatsächlich einbezogen werden. Akzeptanz sei nicht selbstverständlich, sondern müsse durch nachvollziehbare Entscheidungen und erkennbare Vorteile geschaffen werden.
Dünn besiedelte Räume nicht zurücklassen
Abschließend richtete sich eine Frage auf die vielen Orte im ländlichen Raum, die heute nur unzureichend angebunden sind. Es sei zu erwarten, dass neue Mobilitätsanbieter zunächst die großen Städte und dicht besiedelten Gebiete bedienen. Wann kleinere Orte profitieren, sei mitunter offen – und stellt ein veritables politisches Problem dar.
Klaus J. Beckmann bezeichnete die Anbindung des ländlichen Raums als gemeinsame staatliche Aufgabe. Nötig sei ein Umdenken: Gerade dünn besiedelte Regionen seien häufig dringend auf Unterstützung angewiesen, weil dort weniger Alternativen zum privaten Auto zur Verfügung stünden. Eine erfolgreiche Mobilitätswende müsse deshalb nicht nur neue Angebote in den Städten schaffen, sondern auch die regionale Verbindung und gleichwertige Teilhabe sichern. Für die Umsetzung neuer Mobilitätsangebote brauche es den Mut, unterschiedliche Ansätze zu erproben und die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.







