Neues vom Dauerzustand Krise: Transformation kennt keine Pause
München, 21. Mai 2026
Geopolitische Themen haben Hochkonjunktur, während hierzulande die Konjunktur weiter schwächelt. In der anhaltenden Wachstumsschwäche wird deutlich: Die Unternehmen sind auf der Suche nach grundlegender Transformation, ein reines Durchhalten scheint keine Option. Der HR-Kreis hat sich auf die Suche nach Ansätzen gemacht, wie unter den aktuellen Stressfaktoren ein produktives Momentum für die Transformation erzeugt werden kann – und dafür einige Erfolgsfaktoren gefunden.
Anti-Fragility kann als Krisenbewältigungsstrategie zu solch einem Erfolgsfaktor werden. Der Begriff beschreibt die Elastizität einer Organisation, die sie davor bewahrt, an Krisen zu zerbrechen, und es ihr ermöglicht, sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Ariane Reinhart (Aufsichtsrätin Vonovia SE, Evonik Industries AG und Georgsmarienhütte GmbH, Co-Gründerin & Sprecherin Allianz der Chancen) machte deutlich, was es dafür braucht: auch in Krisen anpassungsfähig zu bleiben, dafür unbequeme Wahrheiten klar zu benennen und beherzt zu handeln.

Neue Herausforderungen erfordern Zukunftsbild
Die weitere Diskussion zeigte: Voraussetzung für Transformation ist ein Zukunftsbild künftiger Wettbewerbsfähigkeit und der Mut zu umfassender Veränderung. Dazu zählt auch, sich von den Konzepten und Errungenschaften der Vergangenheit zu verabschieden und neue Ideen und Lösungswege einzubringen. Belegschaft und Sozialpartner müssen dazu transparent informiert und eng eingebunden werden. Das fehlende Zielbild für die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschlands sei nicht hilfreich für die erfolgreiche Gestaltung der betrieblichen Transformation, so Ariane Reinhart. Dass aus dem Mut zu innovativen Konzepten Vorteile für Unternehmen und Arbeitnehmende gleichermaßen entstehen können, habe beispielsweise die Allianz der Chancen mit ihrem Modell der Jobdrehscheiben gezeigt.
Wachstumsnarrativ für den Wirtschaftsstandort Deutschland
Für ein Zukunftsbild des Standorts braucht es ein starkes Wachstumsnarrativ: Diesen Begriff brachte Christina Ramb (Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) ein. Gemeint ist damit eine überzeugende Vorstellung davon, wie sich der Standort entwickeln lässt, um zukünftig wieder für Investitionen und qualifizierte Zuwanderung attraktiver zu werden.

Der Standort gerate aktuell von einer Krise in die nächste, ohne passende Antworten zu finden. Die betriebliche Transformation sei eine konstante Notwendigkeit und nicht zu ändern. Die Standortbedingungen hingegen schon: Dafür brauche es einen Staat, der sich zurücknimmt. Es gelte, Bürokratie und Regulierung abzubauen, Arbeit attraktiver zu machen und den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Ausbleibendes Handeln der Politik koste Wettbewerbsfähigkeit. Auch die große Anzahl der Regulierungen auf EU-Ebene vervielfache die Komplexität.
Anhaltender Investitionsschwund und schleichender Beschäftigungsabbau, insbesondere in der Industrie, sei die Folge. Dem gelte es entgegenzuwirken: mit einer geringeren Regulierungsquote in den investitionsrelevanten Technologien und einem Staat, der dialogorientiert, lösungs- und kompromissbereit und nicht zuletzt reformfreudig agieren müsse.
Reformen in kleinen, statt keinen Schritten
Voraussetzung für umsetzbare Reformen sei es, Lösungsansätze nicht im Keim mit reflexartigen Bedenken oder Ablehnung zu ersticken, präzisierte Ariane Reinhart. Es gelte, Reformen gemeinsam in die Umsetzung zu bringen. Hier seien auch Medien und Öffentlichkeit gefragt, um für ein konstruktives Klima im Diskurs zu sorgen. Ein kategorisches Zurückweisen von Lösungsvorschlägen müsse einem gemeinsamen Dialog zur Lösungsfindung weichen.
Christina Ramb ergänzte, dass es in der Regel nicht an Lösungskonzepten fehle. Es fehle vielmehr an der Bereitschaft, um diese Konzepte zu verhandeln und Kompromisse einzugehen. Diese Kultur sei mitverantwortlich dafür, dass zu wenig Veränderung angestoßen werde und dadurch Reformmöglichkeiten verpasst werden.
Die Rolle von Verantwortung, Bildung und Transfergeschwindigkeit
Henning Kagermann (Vorsitzender acatech Kuratorium) ordnete rückblickend Krisenbewältigungen und deren Wahrnehmung ein. Die Dotcom-Krise zu Beginn des Jahrtausends sei einer Rolle rückwärts gleichgekommen, Innovationen wurden spürbar zurückgefahren, Kosten gesenkt und Profitabilität gesteigert. Die Bewältigung der Finanzkrise 2008/2009 lasse sich im Vergleich aufgrund von Widerstandsfähigkeit und Aufbruchstimmung als Salto vorwärts werten.
Wie gelingt es also, in der heutigen, beschleunigten Transformation handlungsfähig zu werden? Die Diskussion widmete sich dazu dem grundlegenden Faktor Bildung, der den veränderten Bedingungen Rechnung tragen müsse. Fortbildung und Qualifizierung müssen on the job integriert werden – also zur Werkbank kommen, um Erfolge für die Teilnehmenden, Sicherheit und neue Perspektiven zu schaffen.
Die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bildungssystems nehme jedoch ab, so Christina Ramb. Zwar sei die berufliche Bildung noch immer sehr gut, aber zwischen Kita und Universität gebe es Optimierungspotenzial. Auch im Transfer von Invention in nutzbare Innovation müsse das Tempo anziehen, um international Schritt halten zu können. Sonst bliebe die Wertschöpfung aus, obwohl hierzulande die verwertbaren Ideen entstehen.
Eigenverantwortung und Zukunftsoptimismus: Gemeinsam lösen, was alle betrifft
Vergangene Krisen haben beweisen, wie erfolgreich Transformation in der Vergangenheit gelungen ist: Darauf wies Henning Kagermann hin. Aus diesen Beispielen gelte es für aktuelle und künftige Aufgaben die richtigen Lehren zu ziehen.
Die Debatte zeigte: Um die Transformation aktiv gestalten zu können, braucht es ein Zukunftsbild für Wettbewerbsfähigkeit – sowohl im Unternehmen als auch für den Standort. Die Basis dafür: Offenheit und Mut, neue Instrumente zu vereinbaren, um passende Lösungen entwickeln zu können.
Das erfordert jedoch auch, dass die Beteiligten nicht übereinander, sondern miteinander reden, also stärker als bisher in den Dialog treten. Denn was alle betrifft, lässt sich nur gemeinsam lösen. Dass es dafür Haltung braucht, darüber herrsche bei den Panelteilnehmenden Einigkeit, so fasste acatech Präsidiumsmitglied und Co-Gastgeber Frank Riemensperger abschließend zusammen.
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Über die Debattenreihe Fit for Future Work
Wie gute Zusammenarbeit funktionieren kann und wie die Digitalisierung vom Schreckgespenst und mutmaßlichen Jobkiller zur Chance für gute Arbeit werden kann, bringen aktuelle Impulse des HR-Kreises auf den Punkt. In seiner Debattenreihe „Fit for Future Work“ stellt der HR-Kreis seine Thesen öffentlich zur Diskussion. Aktuelles und Positionen rund um die Debattenreihe in den sozialen Medien:
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