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Innovationssystem Deutschland. Zivile und militärische Innovationen verzahnen

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Autor / Herausgeber: Claudia Eckert, Christoph M. Schmidt
Reihe: acatech STUDIE
Veröffentlicht: 9. Juli 2026

Innovation ist unabdingbar für den nachhaltigen Wohlstand der deutschen Volkswirtschaft und trägt entscheidend zur Bewältigung globaler Herausforderungen bei. Die Leistungsfähigkeit der zahlreichen Akteure im deutschen Innovationssystem wird entscheidend durch politische Rahmenbedingungen beeinflusst, die entweder innovationsfördernd oder -hemmend wirken können.

Die vorliegende acatech STUDIE geht im Rahmen des Projekts Innovationssystem Deutschland der Frage nach, wie zivile, militärische und Multiple-Use-fähige Innovationspotenziale besser genutzt werden können, ohne zentrale Prinzipien wie Wissenschaftsfreiheit, internationale Kooperation und offene Innovationsprozesse zu schwächen. Aufbauend auf empirischen Befunden führt die Studie die in qualitativen Interviews gewonnenen Perspektiven unterschiedlicher Stakeholder aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen und formuliert politische Handlungsoptionen für Synergiepotenziale entlang der Wertschöpfungskette.

Zivile und militärische Innovationen verzahnen Synergiepotenziale zwischen ziviler und militärischer Innovation ergeben sich einerseits durch Übertragungseffekte in unterschiedlichen Innovationsfeldern (Spillover-Effekte). So können staatliche Aufträge zur Forschung und Entwicklung (F&E) im Verteidigungsbereich weitere private Investitionen in geförderten Unternehmen und Branchen auslösen (Crowding-in), die insgesamt produktivitäts- und beschäftigungssteigernd wirken. Im Rahmen von F&E-Aufträgen gewonnenes Wissen und geschaffene Strukturen bleiben erhalten und können außerhalb des ursprünglichen Projekts weitere Innovationen anschieben (zum Beispiel durch lokale Agglomeration, Infrastrukturen oder Humankapital). Staatliche Ausgaben für Verteidigung können auf diese Weise den Innovations- und Wirtschaftsstandort stärken und wohlstandsmehrend wirken.

Bild: Ansatzpunkte zur Ausschöpfung von Synergiepotenzialen bei ziviler und militärischer Forschung (Quelle: acatech)

 

Innovationssystem Deutschland im Wandel

Neuere repräsentative Erhebungen bestätigen und präzisieren diese Entwicklung für die Jahre 2025/2026: In einer quantitativen Umfrage des ifo Instituts, der Universität Leipzig und der Technischen Universität München (TUM) zeigt sich eine klare Mehrheit der Bevölkerung für eine Stärkung der deutschen Verteidigungsfähigkeit. Demnach befürworteten große Teile der Befragten höhere Verteidigungsausgaben, einen Ausbau der Bundeswehr und eine intensivere Zusammenarbeit in europäischen Verteidigungs- und Sicherheitsfragen. Knapp zwei Drittel der Befragten gaben an, einen militärischen Konflikt zwischen Russland und einem NATO-Mitgliedstaat für möglich zu halten, und viele zeigten sich auch offen für eine gemeinsame europäische Armee.

Das TechnikRadar 2026, eine repräsentative Onlineumfrage von acatech, belegt, dass die Menschen in Deutschland hohen politischen Handlungsbedarf in Sicherheitsfragen sieht: 78 Prozent der Befragten halten die Sicherung der Verteidigungsfähigkeit für wichtig und 74 Prozent befürworten die Förderung von Technologien zur Abwehr von Cyberangriffen. Die Mehrheit (51 Prozent) spricht sich dabei für Hochschulforschung aus, die zur militärischen Verteidigung nutzbar ist. Beide Umfragen spiegeln demnach nicht nur eine veränderte Bedrohungswahrnehmung wider, sondern auch eine verschobene normative Grundhaltung in der deutschen Gesellschaft.

Bild: Beurteilung der Sicherheitslage im Zeitverlauf sowie Zustimmung zur Erhöhung des Wehretats und der Zahl der Soldatinnen und Soldaten (Quelle: Graf 2024)

Bild: Beurteilung der Sicherheitslage im Zeitverlauf sowie Zustimmung zur Erhöhung des Wehretats und der Zahl der Soldatinnen und Soldaten (Quelle: Graf 2024)

Ausgewählte Handlungsoptionen:

  • Diskurs strukturieren: Initiierung und Moderation eines faktenbasierten, interdisziplinären Dialogs zur Rolle des Innovationssystems in der sicherheitsrelevanten Forschung, der ethische, wissenschaftliche und sicherheitspolitische Perspektiven systematisch zusammenführt.
  • Begriffe und Rollen klären: Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von sicherheitsrelevanter Forschung und Multiple Use im deutschen Innovationssystem, um Abgrenzungsunsicherheiten zu reduzieren und Forschungseinrichtungen Orientierung zu geben.
  • Governance-Hürden sichtbar machen und systematisch aufarbeiten: Analyse struktureller Hemmnisse (Bürokratie, Zuständigkeiten, Infrastrukturdefizite), die eine verantwortungsvolle Verzahnung ziviler und sicherheitsrelevanter Forschung behindern.
  • Wissenschaftsfreiheit sichern, Verantwortung stärken: Erarbeitung von Leitlinien und Best Practices, wie Forschungseinrichtungen sicherheitsrelevante Risiken adressieren können, ohne pauschale Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit vorzunehmen.
  • Plattformfunktion wahrnehmen: Entwicklung eines strukturierten Austauschs zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, um Synergiepotenziale sichtbar zu machen, Vertrauen aufzubauen und evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungsprozesse zu entwickeln

Innovationsfinanzierung und Anschlussfähigkeit

Unabhängig davon, ob neue Technologien im zivilen oder im militärischen Bereich entwickelt werden, benötigen sie im Verlauf des Innovationsprozesses eine durchgängige Finanzierung. Dies gilt insbesondere für Start-ups, die häufig keine großen Kapitalreserven oder Möglichkeiten zur temporären Querfinanzierung haben. Die Phase zwischen der Entwicklung des ersten Prototyps und der Serienfertigung birgt oft eine Finanzierungslücke. Viele Innovationen scheitern in diesem Abschnitt, der deshalb als „Tal des Todes“ bekannt ist. Für militärische Technologien ist diese Phase besonders kritisch, da fast ausschließlich die Bundeswehr und verbündete Staaten als Abnehmer infrage kommen. Bleiben staatliche Beschaffungsaufträge aus oder verzögern sie sich, scheitert die Markteinführung – und die Innovation droht zu scheitern.

Bild: „Tal des Todes“ im Innovationsprozess (Quelle: acatech basierend auf Schaupp/Eßig 2017)

Die militärische Beschaffung in Deutschland ist institutionell arbeitsteilig organisiert. Die zentrale Beschaffungsstelle ist das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, das Bedarf, Vergabe, Vertragsdurchführung, Zulauf und Nutzungseinführung neuer Systeme koordiniert. Bedarfe werden entlang des Fähigkeitsprofils der Bundeswehr entwickelt; hier nimmt insbesondere das Planungsamt der Bundeswehr (PlgABw) eine zentrale Rolle bei Zielbildung, Fähigkeitsmanagement und Planungsumsetzung ein.

Am Beschaffungsprozess sind mehrere Institutionen beteiligt (siehe Abbildung 6): Das PlgABw definiert die notwendigen Fähigkeiten, um die Aufgaben der Bundeswehr erfüllen zu können und Fähigkeitslücken durch geeignete Maßnahmen zu schließen. Das BAAINBw vergibt wehrtechnische Forschungs- und Entwicklungsaufträge und beschafft Verteidigungs- und Versorgungsgüter. Die Einsatzkräfte innerhalb der Bundeswehr sind schlussendlich Nutzer der Anwendungen.

Bild: Beschaffungsprozess der Bundeswehr (Quelle: acatech in Anlehnung an BMVg 2025b)

Handlungsoptionen:

  • Forschungsförderung strategisch verzahnen: Förderprogramme sollten bei Technologien mit Multiple-Use-Potenzial ressortübergreifend geöffnet oder abgestimmt werden. Eine stärkere Koordinierung entlang der Technologie-Reifegrade kann Doppelförderung vermeiden, Synergien schaffen und die Anschlussfähigkeit von Forschungsergebnissen für militärische wie zivile Anwendungen verbessern.
  • Innovationsfreundliche Beschaffung systematisch verankern: Beschaffungsverfahren sollten stärker auf funktionale Anforderungen, strukturierte Marktdialoge und vorkommerzielle Auftragsvergaben ausgerichtet werden. Ergänzend ist eine frühzeitige Erprobung von Prototypen vor der formalen Abnahme zu ermöglichen, um Entwicklungsrisiken zu senken, Innovationszyklen zu verkürzen und den Markteintritt nichtetablierter Akteure zu erleichtern.
  • Durchgängige Innovations- und Beschaffungspfade schaffen: Zwischen Forschungsförderung, Erprobung und Beschaffung sollten zuverlässige Anschlusslogiken etabliert werden. Frühzeitige Signale zu potenziellen Beschaffungsbedarfen und – wo möglich – Abnahmeoptionen können Investitionsrisiken reduzieren und Innovationen wirksam aus dem „Tal des Todes“ führen.
  • Investitionsbedingungen für Defence- und Dual-Use-Technologien verbessern: ESG-Rahmenbedingungen sollten weiter präzisiert werden, um pauschale Ausschlüsse sicherheitsrelevanter Technologien zu vermeiden. Eine differenzierte Bewertung, die Beiträge zu Sicherheit, Resilienz und technologischer Souveränität berücksichtigt, kann private Kapitalmobilisierung erleichtern und den Standort Deutschland stärken.
  • Europäische Skalierung konsequent nutzen: Gemeinsame europäische Beschaffungs- und Investitionsinstrumente sollten gezielt zur Marktintegration, zur Standardisierung und zur Gewährleistung von Interoperabilität genutzt werden. Größere, koordinierte Märkte erhöhen Investitionssicherheit und senken Markteintrittsbarrieren für innovative Unternehmen. Zwar würde eine starke europäische Marktausrichtung wohl die Anzahl der relevanten Akteure reduzieren, diese aber in einen innovationsförderlichen Wettbewerb miteinander führen.

Forschungssicherheit

Eine der größten Herausforderungen für die Forschungssicherheit liegt im Transfer zwischen Grundlagenforschung und klar militärisch ausgerichteter Entwicklung. Einen Ansatz zur Zuordnung von Sicherheitsniveaus bei Forschungsvorhaben könnte das Technology Readiness Level darstellen. Entwickelt wurde die neunstufige Skala von der amerikanischen Raumfahrtbehörde (National Aeronautics and Space Administration – NASA), um ursprünglich Raumfahrttechnologien zu bewerten. Mittlerweile hat sich die Skala als Standard zur Bestimmung des Entwicklungsstands insbesondere für neue Technologien etabliert.

Handlungsoptionen:

  • Differenzierte Sicherheitsklassifizierung und sichere Entwicklungsumgebung etablieren: Es sollte ein einheitlicher, risikoorientierter Bewertungs- und Beratungspfad für Forschungsvorhaben mit potenziell sicherheitsrelevanter beziehungsweise Dual-/Multiple-Use-Dimension etabliert werden (insbesondere mittlere TRL-Bereiche). Ziel ist Planungssicherheit für Forschende und Förderer: klare Kriterien, abgestufte Sicherheitsniveaus, standardisierte Chancen-Risiken-Analysen für internationale Kooperationen sowie verlässliche Eskalationswege bei Unsicherheiten – ohne pauschale Hochstufung ziviler Forschung auf militärische Standards.
  • Forschungssicherheit praktisch umsetzbar machen: Forschungssicherheit sollte durch verbindliche, niedrigschwellige Qualifizierungsmodule (zum Beispiel zu Exportkontrolle/Transfer/Kooperationsrisiken) operationalisiert werden.
  • Hemmschwellen senken, ohne Sicherheitsinteressen zu vernachlässigen: Sichere Entwicklungs- und Erprobungsumgebungen für sicherheitskritische Prototypen sollten gezielt ausgebaut sowie Anreizmechanismen etabliert werden, die Publikations- und Reputationsnachteile ausgleichen (zum Beispiel klare Regeln zu Publishable Slices, Anerkennungsnachweise, angemessene Förderkonditionen).
Bild: Technologie-Reifegrade nach der NASA-Skala des Technology-Readiness Level (TRL) (Quelle: acatech basierend auf BAFA 2022)

Weiterführende Links

  • Projektseite Innovationssystem Deutschland
  • Download Studie „Zivile und militärische Innovationen verzahnen“
  • Pressemeldung

Alle Abbildungen aus der Studie

Schlagwörter

Cybersicherheit | Innovationen | KI | Raumfahrt | Sensorik

  • Herausgeber

    Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph M. Schmidt

    Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph M. Schmidt
    RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

    Prof. Dr. habil. Claudia Eckert
    acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e.V.

    Ansprechpartnerin

    Sarah Hölzl
    acatech
    Wissenschaftliche Referentin
    sarah.hoelzl@acatech.de

    Ansprechpartner Presse

    Thomas Sprenger
    acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften
    Pressesprecher & Referent für strategische Kommunikation
    Tel.: +49 89 520309-716
    sprenger@acatech.de

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